Die Existenz geht der Essenz voraus

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 05/2020 lautet: „Ins Offene – Wie lebe ich mit der Ungewissheit?“ Nichts ist sicher, nichts vorhersehbar. In der Coronakrise spitzt sich die Unsicherheit zu, die fundamental für das Leben vieler Menschen ist. Selten war die so planungsbedürftige Zivilisation mit so viel Ungewissheit konfrontiert wie derzeit. Doch so historisch einmalig die aktuelle Situation auch wirken mag, offenbart sich in ihr dennoch nichts grundsätzlich Neues, sondern vielmehr die Intensivierung eines menschlichen Grundgefühls. Denn es ändert sich im Grundsatz eben nichts daran, dass Menschen ungewiss in die Welt gestellt sind. Sie müssen also mit der Offenheit ihrer Existenz umgehen. Exemplarisch mag dafür der berühmte Satz von Jean-Paul Sartre stehen: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ Das heißt: Der Mensch tritt in die Welt ein, ohne in seinem Wesen festgelegt zu sein.

Ein Gegenmittel gegen die Ungewissheit ist die Liebe

Jeder Mensch muss der offenen Zukunft auf die je eigene und vor allem passende Weise begegnen. Ganz gleich ob bei einer beruflichen Neuorientierung oder im Zuge gesellschaftlicher Umwälzungen. Das Philosophie Magazin bietet dafür drei wegweisende Hilfen im Umgang mit Ungewissheit an. Der erste Weg: „Stell dich der Kontingenz.“ Im Interview erklärt der Risikoforscher Gerd Gigerenzer, welche Form des statistischen Wissens am besten zur Bewältigung von Kontingenz taugt und wie man in gewissen Situationen gute Entscheidungen trifft.

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Der zweite Weg lautet: „Konzentrier dich aufs Wesentliche.“ In ihrer Reportage zeigt Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler, wie drei Menschen mit Ungewissheit umgehen. Sie fokussieren sich in Krisenzeiten auf das, was für sie wirklich zählt. Der Weg drei sieht so aus: „Setz dich aufs Spiel.“ Theresa Schouwink argumentiert in ihrem Essay mit dem Philosophen Emmanuel Lévinas, dass sich das vielleicht stärkste Gegenmittel zur Angst vor der Ungewissheit in einem anderen menschlichen Grundgefühl findet: der Liebe.

Die höchste Bestimmung der Freiheit ist der Weltgeist

Der Klassiker unter den großen Denkern ist diesmal Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Für ihn stand fest, dass die Geschichte, so verworren sie manchmal sein mag, am Leitfaden der Freiheit voranschreitet. Zudem wird die Geschichte von der Vernunft beherrscht. Vernunft und Geschichte bedingen sich laut Hegel als Momente der Freiheit gegenseitig. Philosophie ist seiner Meinung nach nicht weniger als das: ein Zu-sich-selbst-Kommen der Freiheit im unbekannten Fahrwasser der Geschichte. Die höchste Bestimmung der Freiheit und für Hegel aber der Weltgeist. Dieser überblickt die gesamte Reihe der unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Geschichte.

Was haben die Me Too-Debatte und das Verhalten der Menschen in der Coronakrise gemein? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten offenbart sich eine strukturelle Ähnlichkeit, meint Thea Dorn in ihrer Kolumne: „Die Ausweitung der Schutz- und Schutzbedürftigkeitszonen man als Zugewinn an Menschlichkeit erscheinen. Letzten Endes beschleunigt die Kultur der Fragilität jedoch nur die Entmächtigung des Individuums.“ Eines Tages könnte es wirklich meinen, nur noch im sterilen Klima des gleichgesinnten Schwarms existieren zu können oder unter den mächtig ausgebreiteten Fittichen eines überfürsorglichen Staates Schutz suchen zu müssen.

Von Hans Klumbies