Die Logik des Allgemeinen dominiert die Moderne

Was ist die Moderne? Was sind die zentralen Merkmale der modernen Gesellschaft in ihrer klassischen Gestalt? Aus der Sicht von Andreas Reckwitz ist die Antwort eindeutig: „Der strukturelle Kern der klassischen Moderne, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert zunächst in Westeuropa ausgebildet hat, ist zunächst eine soziale Logik des Allgemeinen. Diese drängt auf eine Standardisierung, Formalisierung und Generalisierung sämtlicher Einheiten des Sozialen.“ Die Moderne formatiert die Welt der bis dahin traditionellen Gesellschaften grundlegend um. Sie prägt ihr in ihren Praktiken, Diskursen und institutionellen Komplexen durchgängig und immer wieder aufs Neue Formen des Allgemeinen auf. Als großflächige Praxis betreibt sie ein, wie Andreas Reckwitz es nennen möchte, umfassendes „doing generality“ der Welt. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

Die Moderne transformiert die Gesellschaft

Ein solches Verständnis der klassischen Moderne kann an eine bestimmte soziologische Theorie der Moderne anknüpfen. Diese hebt sie zugleich auf eine abstraktere Ebene. Die Moderne ist zunächst als ein Prozess der formalen Rationalisierung zu verstehen. Formale Rationalisierung heißt: Die Moderne transformiert die Gesellschaft so, dass sich jenseits der traditionalen Gepflogenheiten großflächige Komplexe von berechenbaren Regeln bilden. Denen folgen technisch oder normativ regulierte Handlungsweisen.

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Andreas Reckwitz schreibt: „Die formale Rationalisierung lässt sich vom Telos der Optimierung leiten. Deren Fluchtpunkte sind eine effiziente Bearbeitung der Natur und eine transparente Ordnung des Sozialen.“ Häufig – vor allem in der deutschen Soziologie – wird die Moderne mit einem Prozess funktionaler Differenzierung gleichgesetzt. Charakteristisch ist demnach eine Ausdifferenzierung spezialisierter, funktionaler Teilsysteme, die jeweils ihrer eigenen, selbstgesetzte Logik und Struktur folgen.

Der Kapitalismus ist das Zentralorgan der Moderne

Niklas Luhmann hat diesen Ansatz am systematischsten ausgearbeitet, die Grundideen reichen jedoch bis zu den Theorien der Arbeitsteilung zurück. Auf die internationale Diskussion bezogen, ist allerdings seine zweite Interpretation der Moderne einflussreicher. Diese geht auf Karl Marx zurück und begreift den Kapitalismus als Zentralorgan der Moderne in Form einer ökonomisch-technologischen Formation, die auf die ununterbrochene Akkumulation von Kapital ausgerichtet ist und gewaltige Reichtümer ebenso hervorbringt wie deren klassenförmig höchst ungleiche Verteilung. Es steht außer Frage, dass es beiden Ansätzen gelingt, jeweils wichtige Merkmale der Moderne zu erfassen.

Aus der Sicht von Andreas Reckwitz wird die Struktur der Moderne allerdings erst vollständig deutlich, wenn man am Prozess formaler Rationalisierung ansetzt, wie es am deutlichsten Max Weber getan hat. Und wie es in je eigener Weise darüber hinaus so verschiedene Autoren wie Georg Simmel, Martin Heidegger, Theodor W. Adorno und Hans Blumenberg, schließlich auf Michel Foucault oder Zygmunt Baumann angedeutet haben. Das Verständnis der Moderne als Prozess der Rationalisierung kann und muss also noch abstrakter und grundsätzlicher gefasst werden, als es bislang üblich war. Quelle: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Von Hans Klumbies