Das große Thema der Autorin Natalia Ginzburg ist das Schweigen

Natalia Ginzburg, einer der bedeutendsten Autorinnen der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts, wurde am 14. Juli 1916 in Palermo als Tochter des Professors für Anatomie Giuseppe Levi geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Turin, wo sie im Jahr 1938 Leone Ginzburg heiratete, der Dozent für slawische Literatur an der Universität und einer der Führer der antifaschistischen Widerstandsbewegung war. Das Ambiente des intellektuellen und antifaschistischen Turin ist im Hintergrund des scheinbar ganz der Privatsphäre zugewandten Werks von Natalia Ginzburg wirksam geblieben. Von 1940 bis 1943 lebte die Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im abruzzischen Bergdorf Pizzoli. Im Jahr 1943 siedelte sie nach Rom um, wo Leone Ginzburg von den deutschen Truppen verhaftet wurde und 1944 im Gefängnis von Regina Coeli starb.

Natalia Ginzburg erhielt zwei der prestigeträchtigsten Literaturpreise Italiens

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Natalia Ginzburg als Lektorin im Verlagshaus Einaudi, das seit seiner Gründung ein Zentrum der antifaschistischen und schöpferischen Kräfte des neuen Italien war. Im Jahr 1950 heiratete sie Gabriele Baldini, Professor für englische Literatur an der Universität Rom. Natalia Ginzburg starb im Alter von 75 Jahren im Oktober 1991 in Rom, in dem sie seit 1952 lebte und fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Campo di Verano.

Zu ihren bekanntesten Werken zählen: „Die Straße in die Stadt“, „So ist es gewesen“, „Alle unsere Gestern“, „Valentino“, „Die Stimmen des Abends“, „Das imaginäre Leben“, „Die Familie Manzoni“ und „Die Stadt und das Haus“. Für ihr autobiographisches Werk „Mein Familien-Lexikon“ erhielt sie 1963 den italienischen Literaturpreis Premio Strega und für „Valentino“ den Premio Viareggio, einen der bedeutendsten Literaturpreise Italiens.

Beide Arten des Schweigens sind gleich schmerzlich

Abgesehen von den Erinnerungen des „Lessico famigliare“ kreisen alle Bücher Natalia Ginzburgs um ein und dasselbe Thema: um die durch das Schweigen vergifteten Liebesbeziehungen, der Freundschaft, der Familie. Im Nachwort des Buchs „Die Stimmen des Abends“, das in der Reihe „Bibliothek Suhrkamp“ erschienen ist, heißt es, dass der „Ekel am Wort“ nicht nur ihre Haltung gegenüber der darzustellenden Realität bestimmt, sondern er ist darüber hinaus das Übel, an dem die Menschen, die Natalia Ginzburg darstellen möchte, kranken.

In einem Essay über das Schweigen schreibt Natalia Ginzburg: „Es gibt zwei Arten von Schweigen: das Schweigen in uns und den andern. Beide Formen sind gleich schmerzlich. Das Schweigen in uns kommt von einer heftigen Antipathie, die uns gegenüber unserem eigenen Wesen erfasst hat, von der Verachtung unserer Seele, die uns so niedrig vorkommt, dass sie es nicht verdient, angesprochen zu werden. Wenn wir das Schweigen zwischen uns und den anderen durchbrechen wollen, müssen wir zuerst das Schweigen in uns überwinden.“

Von Hans Klumbies

 

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