Solidarität beruhigt und rüttelt zugleich auf

Für die amerikanische Biologin Donna J. Haraway hat Solidarität zwei Seiten. Erstens eine aufrüttelnde, die sich gegen sinnloses Abtöten und bewusstloses Gleichmachen richtet. Zweitens eine beruhigende, die es erlaubt, Orte des einfachen Lebens wieder aufzubauen. Ohne es vielleicht zu wissen, ist sie laut Heinz Bude eine Schülerin des französischen Soziologen Émile Durkheim. Sie entwickelt ihre Idee von Solidarität, indem sie Fäden in die Dunkelheit verfolgt. Diese bilden nach und nach Muster von Zugehörigkeit, die bestimmte Fäden aufnehmen und andere fallen lassen. Heinz Bude stellt fest: „Sie ist gegen den geradezu lächerlichen Glauben an technische Lösungen für unser Zusammenleben gefeit.“ Aber sie will auch einem Zynismus entgehen, der zu dem Schluss kommt, dass das Spiel längst vorbei sei. Seit dem Jahr 2000 ist Heinz Bude Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Menschen sind niemals allein

Vielleicht weiß Donna J. Haraway auch nicht, dass sie eigentlich zu den Schülerinnen des Pragmatisten George Herbert Mead zählt. Denn sie glaubt auch an die „ongoing activity“ des Lebens, dass sich Menschen einander in unerwarteten Kollaborationen und unausdenkbaren Kombinationen brauchen. Daher sind sie niemals allein. Es gibt keine Krone der Schöpfung, weil alle aufeinander angewiesen sind: die Tiere, die Menschen, die digitalen Körper und die chemischen Produkte.

Heinz Bude erläutert: „So können wir gemeinsam leben und müssen wir gemeinsam sterben.“ Ein Geschwister im Geiste ist für sie die Wissenschaftsforscherin Vinciane Despert, die Donna J. Haraway für ihre höfliche Art des Forschens rühmt. Höflich zu forschen bedeutet, Leute zu besuchen und ihnen Fragen zu stellen, die sie wirklich interessant finden. Denn sie machen ihnen deutlich, dass man sich für sie und für das, was sie tun, auch wirklich interessiert.

Ein Herzschrittmacher macht den Menschen zum Cyborg

Man verwickelt sie in ein Gespräch, das die Gesprächspartner mehr führt, als das diese das Gespräch führen. Und so erfährt man etwas, was beide Seiten angeht. Für den italienischen Philosophen Emanuele Coccia ist eine Perspektive der Erweiterung des Denkens von Solidarität auf andere als menschliche Lebewesen noch viel zu eng. Heinz Bude erklärt: „Unser tierischer Chauvinismus erhebt sich seiner Ansicht nach in metaphysischer Ignoranz über die Welt der Pflanzen.“

Selbst Cyborgs sind Mischwesen aus Menschen, Tieren und Maschinen. Zum Cyborg wird ein Mensch beispielsweise durch den Einbau eines Herzschrittmachers oder eines künstlichen Hüftgelenks. Es kommt einem gar nicht in den Sinn, dass die Sprache der Tiere für die Sprache der Pflanzen ziemlich ungeeignet ist. In diesem Sinne ist die Solidarität mit den Tieren nur ein Anthropozentrismus unter Hinzuziehung des Darwinismus. Der hat nämlich durch die Behauptung allzu menschlicher Gesetze der Evolution den menschlichen Narzissmus auf das Tierreich ausgedehnt. Quelle: „Solidarität“ von Heinz Bude

Von Hans Klumbies

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