Die Philosophie kann das Leben verändern

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 01/2022 beschäftigt sich mit der Frage: „Kann Philosophie mein Leben ändern?“ Chefredeakteurin Svenja Flaßpöhler betont in ihrem Editorial, dass die drängenden politischen Fragen von fundamentalen existenziellen Fragen nicht zu trennen sind. Die Redaktion hat den Titel der Jubiläumsausgabe deshalb gewählt, weil jede große Transformation konkret im eigenen Dasein beginnt. Und die Philosophie besitzt das Potenzial, den notwendigen Wandel anzustoßen. Sie befähigt im günstigsten Fall Menschen, mündige Entscheidungen zu treffen. Dabei ist der begründete Zweifel immer der erste Schritt zur Veränderung. Die Zerstörung angenehmer Gewissheiten ist schließlich seit jeher philosophische Methode, von Sokrates über Arthur Schopenhauer bis hin zu Emil Cioran. Jeder sollte sich die Frage stellen, ob er das Leben führt, das er führen will und je nachdem wie die Antwort ausfällt, weitreichende Entscheidungen zu treffen.

Harmut Rosas Denken kreist um den Begriff der Resonanz

Philosophie, so wie sie das Team des Philosophie Magazins versteht, dreht sich nicht um sich selbst. Sie schottet sich nicht ab, flüchtet sich in keinen Elfenbeinturm, und sie ist übrigens auch nicht frei von Witz. Der leitende Redakteur Nils Markwardt ist sich ganz sicher, dass die Philosophie Leben verändern kann und rät der philosophischen Zunft zu mehr Gelassenheit. Warum sollte man sich der Philosophie nicht gemäß den eigenen Zwecken bedienen, sie gar als mentale Hausapotheke gebrauchen? Oder verschiedene Theorien mixen wie einen guten Cocktail?

Svenja Flaßpöhler hat für das Philosophie Magazin ein Gespräch mit Hartmut Rosa geführt, der zu den wichtigsten Denkern der Gegenwart zählt. Die Philosophie und sein Leben lassen sich für ihn nicht trennen. Beides ist tief miteinander verbunden. Hartmut Rosa sagt: „Ich interessiere mich dafür, wie wir in den Welt gestellt sind. Für die Art unserer Weltbeziehung und was diese Beziehung als gelungen auszeichnet.“ Sein Denken kreist dabei um den Begriff der Resonanz. Der Mensch sehnt sich nach einer antwortenden Welt, nach etwas in ihr, das in anspricht, das etwas in ihm zum Klingen bringt, ihn berührt.

Judith Shklar entwickelt den „Liberalismus der Furcht“

Ein entscheidender Grund für das Festhalten an schlechten Gewohnheiten ist die Akrasia. Zu Deutsch: Willensschwäche. Für Aristoteles darf das Wissen nichts Äußerliches sein, sondern es muss mit dem Menschen verwachsen. Aber das braucht Zeit. Der Sieg gegen die Akrasia setzt also die Entschleunigung der Lebensverhältnisse voraus. Wie heißt es so schön: Protect me from what I want. Sigmund Freud spricht vom Unbewussten und plädiert dafür, es so gut es geht ins Bewusstsein zu heben. Ansonsten könnte es sein, dass man ein Leben lang von Verhaltensweisen gelenkt wird – manchmal ohne es wirklich zu merken.

In der Rubrik „Klassiker“ ehrt das Philosophie Magazin diesmal der lettischen Philosophin Judith Shklar gewidmet. Der bekannteste Essay der Denkerin lautet „Liberalismus der Furcht“. Dieser nimmt seinen Ausgang von einem größten Übel, das alle kennen und dass man nach Möglichkeit zu vermeiden trachtet. Dieses Übel ist die Grausamkeit. Willentlich und bösartig zugefügter Schmerz, das ist Judith Shklars Ausgangspunkt, ist das Schlimmste, was Menschen einander antun können. Sie fasst die Trias des höchsten Übels so zusammen: „Dieses Übel ist die Grausamkeit und die Furcht, die sie hervorruft, und schließlich die Furcht vor der Furcht selbst.“

Von Hans Klumbies

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