Der Feind des Rechtspopulismus ist ein doppelter

Die zentrale Abwehr der Pluralisierung im Politischen lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Rechtspopulismus. Will man den Begriff näher bestimmen, dann muss man festhalten: Populismus ist eine politische Strategie, um das Phantasma eines homogenen, eben nicht pluralen, Volkes zu konstruieren. Isolde Charim erläutert: „Eine Strategie, die über die Herstellung einer Freund-Feind-Konstellation funktioniert. Wobei dieser Feind ein doppelter ist: Nach oben sind es die „Eliten“, nach unten sind es die Migranten, die Asylanten, die Flüchtlinge.“ Das sind die notwendigen, aber noch nicht die hinreichenden Bedingungen, denn zum Populismus wird solch eine Strategie erst, wenn sie einen „moralischen Alleinvertretungsanspruch“ erhebt, wie der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller aufgezeigt hat: „Wir – und nur wir – vertreten das wahre Volk.“ Die Philosophin Isolde Charim arbeitet als freie Publizistin und ständige Kolumnistin der „taz“ und der „Wiener Zeitung“.

Im populistischen Moment findet eine gesellschaftlich Desintegration statt

Der populistische Moment ist nicht ident mit dem Populismus, sondern vielmehr das, was diesem vorausgeht. Es ist die Situation, in der Populismus greifen kann. Der populistische Moment ist ein historischer Moment, in dem eine gesellschaftliche Desintegration stattfindet. Ein politischer Moment entsteht also dann, wenn das Gleichgewicht von Politik, Ökonomie und Kultur ins Wanken gerät, wenn die ökonomische, die politische, die kulturelle Integration der Menschen nicht mehr greift. Dann werden ganze Teile der Bevölkerung „gesellschaftlich obdachlos“.

Das ist historisch gesehen keine einmalige Situation. Populistische Momente gab es schon viele. Und dennoch hat der gegenwärtige eine Besonderheit: Heute trifft der populistische Moment auf eine pluralisierte Gesellschaft. Ein besonderes und besonders heikles Zusammentreffen. Die Pluralisierung ist nicht einfach die eine Ursache des populistischen Moments. Es gibt viele Ursachen für diesen gesellschaftlichen Wandel – von der Globalisierung über die Neoliberalisierung bis hin zu technologischen Dynamisierung.

Der Anti-Pluralismus im Wesentlichen über Emotionen transportiert

Aber die Pluralisierung, die vielfältigen Formen von Migration, wird zur einzigen, zur Hauptursache stilisiert – als solche ist sie eine Scheinursache. Gleichzeitig aber hat die Pluralisierung die besondere Funktion, den populistischen Moment zu befördern, zu beschleunigen. Und insofern ist sie auch dessen reale Ursache. Und genau diese Verbindung von Scheinursache und Beschleunigung des populistischen Moments, die Gleichzeitigkeit von Illusion und realer Desintegration ist die ideale Konstellation für jene populistischen Bewegungen, wie sie derzeit um sich greifen.

Isolde Charim stellt fest: „Dieser Populismus hakt beim zentralen Merkmal des populistischen Moments, beim zentralen Merkmal der gesellschaftlichen Desintegration ein: bei der Auflösung der emotionalen Bindungen an die bisherige Ordnung.“ Der Populismus erfasst also punktgenau, dass gesellschaftliche Obdachlosigkeit auch emotionale Obdachlosigkeit bedeutet. Deshalb wird der Anti-Pluralismus im Wesentlichen über Emotionen transportiert. Der Populismus tritt Andersdenkenden immer als geballte Gefühlsladung entgegen. Quelle: „Ich und die anderen“ von Isolde Charim

Von Hans Klumbies

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