In der Stadt werden die Modelle des Zusammenlebens definiert

Im letzten Jahrhundert ist die Stadt zum wichtigsten Ort des Zusammenlebens geworden. Isabella Guanzini erläutert: „Wie ein Magnet mit anziehenden und abstoßenden Kräften wirkt sie in den Beziehungen, Spannungen und Widersprüchen der Menschen.“ Die vorangegangenen Generationen lebten, zeugten und arbeiteten im ländlichen Raum überall in der Welt verteilt und knüpften so ein Netz aus Koexistenz mit weiteren und stabileren Maschen. Erst vor wenigen Jahren hat das Phänomen der Urbanisierung eine symbolische Schwelle überschritten: Zum ersten Mal in der Geschichte übertraf der in den Städten lebende Anteil der Weltbevölkerung jenen im ländlichen Raum. Die Konzentration von Bevölkerung und in den urbanen Gebieten scheint inzwischen ein unumkehrbarer Prozess zu sein, auch wenn dabei einige Gebiete einen Aufschwung erfuhren, andere hingegen einen starken Niedergang. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.

In der Stadt kann alles passieren

Isabella Guanzini weiß: „Fest steht, dass die Bevölkerung in den Städten rasant ansteigt, und es wird prognostiziert, dass in den nächsten Jahrzehnten die Stadtbevölkerung mehr als siebzig Prozent der Gesamtbevölkerung der Erde ausmachen wird.“ An dieser Stelle betrachtet Isabella Guanzini die Stadt in ihrem symbolischen Wert, der auf besondere, aktuell verbreitete Arten des Seins und Fühlens verweist. Die Stadt ist eine Metapher für das heutige moderne Leben, ein Spiegel psychologischer Typen und sozialer Prozesse, die für die heutige Menschheit besonders repräsentativ sind.

Das urbane Phänomen hat das Geflecht des Zusammenlebens radikal verändert. Die Stadt ist der Ort, wo heute die Modelle des gesellschaftlichen Zusammenlebens definiert werden, die Parameter der Gefühlserfahrung, Geschmacksrichtungen und aktuelle Trends. Auch wer nicht dort wohnt – vor allem die Jugend – bildet Erfahrungen und Erwartungen vor dem Hintergrund der Strömungen, die vom Leben in der Großstadt geformt werden. Die Vielfalt in der Stadt ist eine aufregende Erfahrung; in der Stadt kann alles passieren, im Dorf passiert fast nichts.

In der Stadt kann sich ein Mensch in unzähligen Welten ausprobieren

In den Städten scheinen sich die Möglichkeiten für das Gefühlsleben jedes Einzelnen enorm zu erweitern. Unendlich ist die Zahl der möglichen Welten, die man sich vorstellen und ausprobieren kann. Die verschiedenen Welten scheinen jedoch nur leichte Berührungspunkte zu haben und bleiben fragile Gleichgewichte. Isabella Guanzini erklärt: „Eine Kleinigkeit genügt, um sie zusammenbrechen und so unmöglich werden zu lassen. Durch die ständige Veränderung der Stadtlandschaft, die unterschiedliche Herkunft der Menschen, verschiedene Akzente, Stile und Sprachen entstehen in der modernen Metropole neue Geographien des Zusammenlebens und der Nähe, neue Vermischungen und Erzählungen.“

Die Schönheit dieser neuen urbanen Gebilde und Geschichten bringt allerdings zuweilen extreme Erfahrungen mit sich: Ein winziges Etwas reicht aus, um ihren Sinn zu zerstören. Kreative Dynamiken und der Austausch zwischen Kulturen weiten sich überproportional aus, gleichzeitig nehmen auch Anonymität und Vermassung zu, was paradoxerweise die wechselseitige Fähigkeit der Menschen zur Anziehung lähmt. Es gibt unzählige wunderbare Gelegenheiten für Begegnungen, doch sie können Anlass zu Misstrauen und Zusammenstößen sein. Quelle: „Zärtlichkeit“ von Isabella Guanzini

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.