Eva von Redecker stellt einen neuen Freiheitsbegriff vor

Eva von Redecker schlägt in ihrem neuen Buch „Bleibefreiheit“ einen radikal neuen Freiheitsbegriff vor, der mit der traditionell räumlichen Perspektive der Freiheit bricht. Stattdessen spürt sie der Freiheit in ihren zeitlichen Zusammenhängen nach. Ihr Essay erkundet die Freiheit, die seine Lebenszeit einem Menschen schenkt, die sich in seiner einzigartigen Fähigkeit zum Neuanfang erfüllt. Diese Freiheit kommt in der Verwurzelung des Menschen in Natur und Gemeinschaft zur Ruhe. Eva von Redecker schreibt: „Bleibefreiheit lässt sich nur gemeinsam herstellen. Und sie wächst, wenn wir sie teilen.“ So gesehen bildet das Bleiben geradezu den Nullpunkt der Freiheit. In vielen Fällen ist das Bleiben auch eine Forderung. Das macht aus ihm allerdings noch keine Freiheit. Eva von Redecker ist Philosophin und freie Autorin. Sie beschäftigt sich mit der Kritischen Theorie, Feminismus und Kapitalismuskritik.

Das Gefühl der Bleibefreiheit ist wie ein Aufatmen

Eva von Redecker erkennt das offene Zutagetreten eines Bruchs, der den liberalen Freiheitsbegriff von Anfang an durchzieht. Einerseits verspricht die moderne Freiheit, dass alle Menschen im Prinzip Eigentümer sein können und über bestimmte Abschnitte der Welt ungehindert herrschen dürfen. Andererseits verpflichtet diese Freiheit die Menschen darauf, den Ansprüchen der anderen nicht ins Gehege zu kommen. Eva von Redecker stellt fest: „Wir müssen Schranken anerkennen, um gegenseitig Freiheit zu wahren.“

Die Umstellung, sich Freiheit selbst als Zeit vorzustellen, vollzieht sich nicht leicht. Sie ist keine bloße gedankliche Operation, sie berührt alle Impulse und Interessen eines Menschen. „Freie Fahrt voraus!“ – dieses Gefühl kennt man. Aber was spürt ein Mensch, wenn er eine Bleibefreiheit besitzt? Eva von Redecker kennt es: „Es ist wie ein Aufatmen. Die Bleibefreiheit gewähr ein unverhofftes, intensives Empfinden unbedrohter Lebendigkeit.“ Anderes als bei der Bewegungsfreiheit ist der Anfangspunkt der Bleibefreiheit auch der Endpunkt
der Unfreiheit.

Mehr Leben bedeutet wirklich mehr Freiheit

Erfüllte Zeit: Das scheint für Eva von Redecker eine treffende Beschreibung von Freiheit zu sein: „Erfüllte Zeit ermöglicht es uns, bleiben zu können, ohne unfrei zu werden.“ Virginia Woolf notierte 1923 einen Vorsatz in ihr Tagebuch: „Ich möchte das Leben voller und voller machen.“ Genauso stellt sich die Autorin Freiheit vor: das Leben voller, die Zeit erfüllter machen. Erfüllte Zeit ist Zeit, die von Neuanfängen gekennzeichnet und vervielfacht wird. Zudem steckt in der Bleibefreiheit eine Idee der Liebe, nämlich die, dass man Zeit teilt, ohne sie zu verlieren.

Selbst die unendlichste Welt kann man stumpf ignorieren. Jedoch kann man sich auch der Erfahrung öffnen, Beziehungen zur Welt aufnehmen und mit ihren Gezeiten geteilte Momente der Schöpferischkeit suchen. Dann vervielfachen sich die Möglichkeiten proportional zur Lebendigkeit ringsherum. Eva von Redecker betont: „Mehr Leben bedeutet wirklich mehr Freiheit.“ Man könnte auch sagen: Leben ist die Transformation von Stoff in Gezeiten – angefangen vom Sternenstaub, aus dem letztlich alles, was die Zeit daraus gemacht hat, besteht.

Bleibefreiheit
Eva von Redecker
Verlag: S. Fischer
Gebundene Ausgabe: 158 Seiten, Auflage 2: 2023
ISBN: 978-3-10-397499-7, 22,00 Euro

Von Hans Klumbies