Selbstheilungskräfte dürfen nicht behindert werden

Die erste Pflicht der helfenden Berufe liegt darin, sich den Selbstheilungskräften nicht in den Weg zu stellen. In der Psychotherapie ist die Selbstinszenierung als wegweisende Idealgestalt besonders problematisch, wenn sie einen Klienten davon abhält, seinen eigenen Weg zu finden. Wolfgang Schmidbauer weiß: „Die Therapie soll ihre Schützlinge darin unterstützen, sich an eigenen Gefühlen zu orientieren und sich nicht die narzisstischen Bedürfnisse des Helfers einpflanzen zu lassen, der seine Größe durch die Zahl seiner Anhänger steigern möchte.“ Die Kunst des Reparierens hat viel mit der Freude an Zuständen zu tun, die unvollkommen sind. Diese verlangen von einem Menschen, etwas auf einem niedrigeren Niveau neu zu organisieren. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer ist Autor zahlreicher Fach- und Sachbücher, die sich millionenfach verkauften.

Selbstreparatur gehört zum Lebensprozess

Sie ist im Feld der Lebenskunst eng mit dem konstruktiven Umgang mit Einschränkungen verbunden. Diese sind mit dem menschlichen Lebenszyklus verbunden. Die körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen erreicht kurz nach der kompletten Ausreifung des Organismus ihren Höhepunkt. Viele Spitzensportler sind schon mit 30 Jahren „alt“. Aber auch die nackte Intelligenzleistung nimmt nach ihrem Höhepunkt im Alter zwischen 14 und 16 wieder ab. Dies wird aber in vielen Fällen durch Erfahrung wieder ausgeglichen.

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Sprachen und körperliche Fertigkeiten aber werden nie wieder so schnell erworben wie im frühen Erwachsenenalter. Regeneration und Selbstreparatur gehören zum Lebensprozess und enden erst im Tod. Der alternde Körper hat schon viel bewältigt. Es stärkt ihn, ihm zu vertrauen, und schwächt ihn zu verzagen. Das bewusste Ich entsteht in einem Leib, der ohne sein Zutun entstanden ist und unabhängig von seinen Entwürfen sterben wird. Das war so, ist so, und ob es immer so bleiben wird, weiß man nicht.

Vorsicht ist kein Zeichen von Feigheit

So gewiss also das Leben endet, so eindeutig ist auch, dass man im Erleben dieser ständigen Selbstreparatur Kälte und Tod nicht ignorieren darf, sondern es voller Freude tun sollte, solange es eben geht. Wolfgang Schmidbauer erläutert: „Zu einem pfleglichen Umgang mit uns selbst gehört die Übung von Achtsamkeit, von Respekt vor der eigenen Belastbarkeit. Angst und Schmerz sind Signalgeber, nicht Aspekte eines inneren Schweinehundes, die verdrängt werden müssten.“

Wachsende Vorsicht ist für Wolfgang Schmidbauer kein Zeichen von Feigheit. Dennoch beharren Erfolgsautoren der Konsumgesellschaft auf der manischen Abwehr einer schonenden Langsamkeit. Wer alt wird und das sich selbst und anderen eingesteht, tut ihrer Meinung nach nicht genug, um „forever young“ zu bleiben. Letztlich kann aber nichts den Alterungsprozess stoppen. Umso hektischer verjüngen sich jedoch die Lifestyle-Symbole. Lange Jahre lautete das Motto eines der digitalen Giganten namens Facebook: „Move fast and break things.“ Quelle: „Die Kunst der Reparatur“ von Wolfgang Schmidbauer

Von Hans Klumbies