Das Limit des Zumutbaren wird neu justiert

Offensichtlich sind heute viele Menschen mehr denn je damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren. Doch fährt sich der Diskurs darüber zunehmend fest. Liberale und Egalitäre, Rechte und Linke, Alte und Junge, Betroffene und Nicht-Betroffene stehen sich unversöhnlich gegenüber. Svenja Flaßpöhler stellt fest: „Der Effekt dieser Frontalstellung ist eine zunehmende Erosion der demokratischen Diskurskultur.“ Dabei entsteht ein kaum noch zu kittender Riss, der sich mitten durch die Gesellschaft zieht. Umso dringender ist zu fragen, wo ein Ausweg gefunden werden kann. Die aktuelle Situation ist mit der Genese des modernen Subjekts unauflöslich verbunden. Nämlich mit der zunehmenden Sensibilisierung des Selbst und der Gesellschaft. „Sensibel“ das meint: empfindlich, fühlbar, empfänglich. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.

Es gibt eine positive und eine negative Sensibilität

Positiv wird der Begriff „sensibel“ meist im Sinn eines ausgeprägten Einfühlungsvermögens verwendet. Negativ bezeichnet er die Überempfindlichkeit eines Subjekts, das dem Leben nicht gewachsen ist. Ein Blick in die Philosophiegeschichte zeigt, dass diese Spannung eine lange Tradition hat. Schon im Mittelalter unterschied man eine aktive Sensibilität, die sich in einem moralischen Sinn empfindsam auf die Welt ausrichtet, von einer passiven Sensibilität, die empfängt, auf Außenreize reagiert.

Die aktive Sensibilität meint so viel wie „mit Empfindung begabt“. Sie ist, verallgemeinernd gesagt, die tugendhafte, edle, gute, für die göttliche Wahrheit empfängliche. Im 18. Jahrhundert wurde sie als moralisches Gefühl systematisch ausgearbeitet. Nämlich als, vereinfacht gesagt, natürliche Gabe des Menschen, das Gute aus sich heraus zu tun. Die passive Sensibilität hingegen bezeichnet allgemein das, „was empfangen werden kann“. Im positiven Sinn setzt man diese passive Seite – insbesondere während der Epoche der Empfindsamkeit – mit Rührung gleich.

Vermeintlich falsche Behauptungen reizen das Gemüt

Überwiegend verstand man sie negativ im Sinne von Weinerlichkeit, Überspanntheit, auch etwa bei Thomas von Aquin sexueller Willfährigkeit. Die Materialisten im 18. Jahrhundert bezeichneten die passive Sensibilität als „sensibilité physique“ und meinten damit die Reizbarkeit der Nerven. Svenja Flaßpöhler erklärt: „Dass aktive Sensibilität und passive Reizbarkeit oft miteinander einhergehen, zeigt sich mit Blick auf die Gegenwart deutlich.“ Was man für verwerflich und falsch hält, ist meist das, was auch die Gemüter reizt.

Doch ist die Verschaltung von Moral und Reizbarkeit keineswegs neu, sondern hat philosophische Vorläufer. So verabscheute der empfindsame Jean-Jacques Rousseau die Reizüberflutung der Stadt aus tiefster Seele. In der beschaulichen Pariser Peripherie entwickelt er seine Moral des von der Natur aus guten, empathischen Menschen. Diesen gelte es vor den schädigenden zivilisatorischen Einflüssen zu schützen. Das ländliche Idyll von Montmorency war, wenn man so will, Jean-Jacques Rousseaus Safe Space. Quelle: „Sensibel“ von Svenja Flaßpöhler

Von Hans Klumbies

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