Ernährungsmythen sind weit verbreitet

Alle Menschen sind für Ernährungsmythen empfänglich. Wer Gaia-Überzeugungen anhängt, vielleicht noch etwas stärker als der Durchschnitt. Philipp Hübl erläutert: „Den Ausschlag geben hier nicht vernünftige Überlegungen oder wissenschaftliche Recherchen, sondern fast immer Emotionen.“ Menschen reduzieren zum Beispiel ein komplexes Thema auf einfache, aber irreführende Merksätze wie: „Natürlich ist gut, künstlich ist schlecht.“ So geben einige viel Geld für das „natürliche“ Fleur de Sel aus, Meersalz aus Salinen in Mallorca, Frankreich und Portugal. Es besteht zu 97 Prozent aus Natriumchlorid. Und es unterscheidet sich vom industriellen Speisesalz darin, dass es Spuren von Magnesiumsulfat enthält und daher bitter schmeckt. Himalaya-Salz klingt exotisch und sieht besonders wertvoll aus, besteht aber ebenfalls zu 97 Prozent aus Natriumchlorid. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

Zucker ist nachweislich ungesund

Der Rest des Himalaya-Salzes sind Verunreinigungen aus Gips und Eisenoxid, daher die trübrote Farbe. Ein Bekannter von Philipp Hübl hat seinen Kaffee grundsätzlich nur mit braunem Zucker gesüßt. Denn er hielt den weißen, „künstlich“ raffinierten Zucker für ungesund. Das beide dieselbe chemische Formel haben, hat ihn sichtlich überrascht. Überspitzt gesagt ist brauner Rohrzucker einfach Zucker mit Dreck drin. Er nahm auch keinen Süßstoff zu sich, weil er ihn für „künstlich“ und damit „ungesund“ hielt.

Dabei hat die bisher größte Studie zu künstlichen Süßstoffen mit einer halben Million Versuchspersonen keine Hinweise auf Gefahren gefunden. Philipp Hübl betont: „Zucker hingegen ist in den Mengen, die Menschen im Westen konsumieren, nachweislich ungesund. In Deutschland beispielsweise sind 50 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer übergewichtig.“ Übergewicht ist einer der stärksten Faktoren, der zur Verkürzung der Lebenserwartung beiträgt.

Die Natur ist auch giftig und infektiös

Tatsächlich ist der Gegensatz „gefährlich-ungefährlich“ selten deckungsgleich mit „künstlich-natürlich“. Sondern er läuft oft quer dazu. Das ungespritzte Biogemüse aus dem Garten zum Beispiel kann mit gefährlichen Pilzen und Bakterien befallen oder giftig sein. So ist im Jahr 2015 ein Mann aus Bayern bei einem Auflauf aus selbst gezüchteten Zucchini gestorben. Das Gartengemüse enthielt durch eine seltene Mutation den Giftstoff Cucurbitacin. Die Natur ist eben nicht nur wohl eingerichtet und gutherzig, wie die Gaia-Überzeugungen suggerieren.

Sondern die Natur ist auch rau, giftig und infektiös. Zur Erinnerung: Im Jahr 1900, noch vor dem Aufkommen der modernen Medizin, lag die durchschnittliche weltweite Lebenserwartung bei etwa dreißig Jahren. Für die heute Geborenen liegt sie bei über siebzig, in Deutschland bei über achtzig Jahren. Bier, das mit „holistischem Wasser (H2O plus Mineralstoffe) gebraut wird, schmeckt nicht anders und ist auch nicht gesünder als Bier, das mit herkömmlichem Wasser (H2O plus Mineralstoffe) gebraut wird. Quelle: „Die aufgeregte Gesellschaft“ von Philipp Hübl

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.