Heinz Bude setzt auf die freie Entscheidung zur Mitmenschlichkeit

Die Sehnsucht nach Solidarität wird heutzutage vor allem von Rechtspopulisten bedient und von den linken Parteien eher achtlos liegen gelassen. Heinz Bude zeigt in seinem neuen Buch „Solidarität“, wie durch gelingenden Mitmenschlichkeit die tiefe Spaltung der Gesellschaft in Deutschland überwunden werden kann. Der Begriff Solidarität hatte einst große Bedeutung. Er geriet allerdings in Verruf, als jeder für sein Glück und seine Not selbst verantwortlich gemacht wurde. Heute nimmt zum Beispiel der Abstand zwischen Arm und Reich immer weiter zu. Natürlich gibt es in Deutschland ein relativ gut funktionierendes Sozialsystem. Heinz Bude aber fordert dazu von den Bürgern ein neues Verständnis der Solidarität. Heinz Bude studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit dem Jahr 2000 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Der Mut zum Sein ist wichtiger als jede philosophische Reflexion

Solidarität im Sinnen Heinz Budes setzt auf die freie Entscheidung zur Mitmenschlichkeit und hebt den Unterschied zwischen dem Überlegenen und dem Schwächeren auf. Nur durch eine solche Haltung lässt sich Respekt in einer Welt der Ungleichheit gewinnen. Heinz Budes Reflexionen über die solidarische Existenz liefern die Antworten auf die soziale Frage der Gegenwart. Einerseits wird der Verlust von Solidarität in Deutschland beklagt. Im Grunde denke doch jeder nur noch an sich selbst.

Wenn man sich fragt, was das Leben ausmacht und ob es sich überhaupt lohnt zu leben, kann man weder bei den wissenschaftlichen Erkenntnissen noch bei den politischen Ideologien Zuflucht finden. Man muss bei den Dingen des Lebens schon klar sehen wollen. Wobei der Mut zum Sein offenbar immer wichtiger als die Letztbegründung durch ein moralisches Urteil oder eine philosophische Reflexion ist. Schulterzuckendes Phlegma ist der Sache genauso wenig angemessen wie falsche Aufgeregtheit.

Solidarität kann man nicht moralisch durch Argumente erzwingen

Die in dem Buch „Solidarität“ vorgelegten Meditationen über die Zukunft der großen Idee der Solidarität sollen in „scharfsichtiger Gleichgültigkeit“ die trüben Versprechungen über ihre Macht wie die zynischen Ausflüchte vor ihren Forderungen offenlegen. In gewisser Weise gleicht die Gegenwart der Zeit, als Albert Camus den „Sisyphos“ schrieb. Auch damals lebten die Menschen in einer Epoche der enttäuschten Ideologien und der überschätzten Wissenschaft.

Heinz Bude stellt fest: „Solidarität kann man weder durch Argumente moralisch erzwingen noch als Therapie für ein verwundetes Ich empfehlen. Solidarität ist oft sinnlos fürs Ganze und teuer für mich selbst.“ Trotzdem ist der Autor solidarisch, weil er damit in die Absurdität des Daseins einwilligt und zugleich dagegen rebelliert. Die Solidarischen machen sich nichts vor, sie finden sich zusammen, um den Beweis zu erbringen, dass man zusammen weitermachen und nicht aufgeben muss. Der wesentliche Satz zur Sache lautet: „Man weiß den Gewinn der Solidarität nur zu ermessen, wenn man die Einsamkeit kennt.“

Solidarität
Die Zukunft einer großen Idee
Heinz Bude
Verlag: Hanser
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten, Auflage: 2019
ISBN: 978-3-446-26184-6, 19,00 Euro

Von Hans Klumbies

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