Herausragende Leistungen machen einsam

Die Deutschen leben in einem seltsamen Land. Evi Hartmann kritisiert: „Wer seinen Job absitzt, konsequent lediglich Durchschnittliches leistet, sich für Anwesenheit bezahlen lässt und ansonsten Freizeitwert und Status optimiert, gilt als Held.“ Wer dauerhaft mehr als der Durchschnitt, wer Herausragendes leistet, die Extra-Meile geht, die Spitzenleistung bringt, das Todesmarsch-Projekt übernimmt, die Kastanien aus dem Feuer holt, den Turnaround schafft, bekommt die Ablehnung und die Kritik der Durchschnittlichen zu spüren. Wenn Evi Hartmann mit Leistungsträgern spricht, bringen sie immer wieder dieselben Sachverhalte, Beobachtungen und Empfindungen vor: Sie leisten überdurchschnittlich viel und ernten dafür unterdurchschnittlich wenig Anerkennung und Berücksichtigung. Oft werden Leistungsträger sogar ausgesprochen undankbar behandelt, wenn sie Herausragendes leisten. Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Supply Chain Management, an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Die Deutschen leben in einer Anspruchsgesellschaft

Leistet die Elite etwas ganz Besonderes, werden sie dabei nicht unterstützt, sondern kritisiert, behindert, aufgehalten, mit Bürokratie beworfen. Immer wieder werden sie für ihre herausragende Leistung angegriffen, weil sich jene, die weniger leisten, dadurch bloßgestellt fühlen. Evi Hartmann weiß: „Wir leben nicht in einer Leistungsgesellschaft, sondern in einer Anspruchsgesellschaft: Nicht wer mehr leistet, sondern wer die größeren Ansprüche anmeldet, setzt sich durch.“

Leistungsferne machen Leistungsträger das Leben schwer, weil sie nicht verstehen, wie herausragende Leistung zustande kommt und deshalb oft kryptische, missverständliche oder sachlich falsche Anweisungen, Korrekturen und Feedbacks geben oder Rahmenbedingungen so setzen, dass Spitzenleistung verhindert wird. Die Pseudo-Elite lässt Hochleister nicht in Ruhe arbeiten, sondern bremst sie mit Regularien, Einwänden, Forderungen, Restriktionen und Auflagen. Wenn Leistungswillige etwas leisten, reden ihnen jene hinein, die nichts oder weniger leisten – um den Anschein zu erwecken, bei der Leistungserstellung auch irgendwie beteiligt gewesen zu sein.

Überdurchschnittliche Leistung wird als Bedrohung empfunden

Ist der Leistungsträger erfolgreich, wird der Erfolg oft von jenen, die wenig geleistet haben, annektiert und als eigener verkauft. Überdurchschnittliche Leistung wird von hierarchisch Höhergestellten tendenziell als Bedrohung der eigenen Position empfunden und entsprechend bekämpft; das sogenannte Kronprinzen-Syndrom. Herausragende Leistung wird von vorgesetzten Stellen häufig als subversiv stigmatisiert und unterbunden: „Nun machen Sie mal halblang! Seien Sie ein guter Teamplayer!“

Wer solche unerquicklichen Phänomene in Firma und Familie, WhatsApp-Gruppe, Nachbarschaft, Gemeinde, Verein, Politik, in den Medien und in der Gesellschaft miterleben muss, bekommt laut Evi Hartmann das Gefühl vermittelt: „Wenn du mehr als nötig leistest, bist du ein Außenseiter. Außenseiter werden nicht gemocht. Nicht von den Insidern. Ihre stille und manchmal explizite Botschaft ist: Sei doch kein Außenseiter! Komm zurück zur Herde! Dahinter steht die Botschaft: So, wie du jetzt bist, ist das nicht in Ordnung.“ Quelle: „Ihr kriegt den Arsch nicht hoch“ von Evi Hartmann

Von Hans Klumbies

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