Tatsächlich kann Zuwanderung das Problem der Alterung in Industrienationen zumindest teilweise lösen, immer vorausgesetzt, das Wachstum ist stabil, und es gibt reichlich Arbeit. Nouriel Roubini erklärt: „Mehr junge Arbeitnehmer zahlen in die Sozial- und Krankenversicherung ein, mehr Verbraucher kurbeln die Nachfrage an und steigern die Steuereinnahmen des Staats, mit denen dieser die aktuelle und implizite Schuldenlast erleichtern kann.“ In den Vereinigten Staaten strömten Zuwanderer früher in die Industrie und in Dienstleistungssektoren, wo gut ausgebildete und motivierte Arbeitnehmer gebraucht wurden. Die Freiheitsstatue begrüßte die Massen der Beladenen und Armen der Welt, die sich nach Freiheit sehnten. Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Nouriel Roubini ist einer der gefragtesten Wirtschaftsexperten der Gegenwart. Er leitet Roubini Global Economics, ein Unternehmen für Kapitalmarkt- und Wirtschaftsanalysen.
Ausländische Arbeiter schaffen Wohlstand
Angesichts der neuen Zuwandererfeindlichkeit müsste man der Freiheitsstatue ein Schild in die Hand drücken mit der Aufschrift „Belegt“. Da Nouriel Roubini selbst Einwanderer ist, gefällt ihm der Gedanke der geschlossenen Tür überhaupt nicht. Wir viele andere im Ausland geborene Einwohner hat er die Vereinigten Staaten als Land der unbegrenzten Möglichkeiten erlebt. Nouriel Roubini kam 1983 an, um hier zu studieren, und blieb, um an der Universität und in der Politik zu arbeiten und später eine Unternehmensberatung zu gründen.
Diese beschäftigt inzwischen mehr als 50 Mitarbeiter, von denen viele genau wie Nouriel Roubini Zuwanderer sind. Ausländische Arbeitnehmer schaffen Wohlstand. Die Zeitschrift „Forbes“ titelte 2018: „55 Prozent aller Milliarden-Dollar-Start-ups wurden von Zuwanderern gegründet.“ Der Wirtschaftswissenschaftler Dani Rodrik fordert Industrienationen auf, Zuwanderer willkommen zu heißen. Warum? Weil die Forschung zeigt, dass Zuwanderung das Wirtschaftswachstum ankurbelt. Qualifizierte Arbeitskräfte lassen sich in Regionen nieder, in denen Wachstum und Produktivität hoch sind.
Ludwig von Mises war ein Freund der Zuwanderung
Dort gründen sie oft selbst Unternehmen, wie sich vor allem in den lukrativen Technologiebranchen zeigt. Nouriel Roubini fügt hinzu: „Und Zuwanderer überweisen Geld in ihre Herkunftsländer und stabilisieren auf diese Weise auch die dortige Wirtschaft. Unterm Strich hat die Liberalisierung der Arbeitsmigration deutlich mehr positive Auswirkungen auf das Weltinlandsprodukt als die Liberalisierung des Handels, der Kapitalströme und der Finanzdienstleistungen, so Dani Rodrik.“
In den Wirtschaftswissenschaften herrscht die Ansicht vor, dass der Freihandel den Wohlstand fördert. Das gilt auch für den Freihandel mit Arbeitskräften, sprich offene Grenzen für Zuwanderer. Nouriel Roubini weiß: „Der Österreicher Ludwig von Mises, der Generationen von Befürwortern strikter Haushaltsdisziplin unter den Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern inspirierte, war ein Freund der Zuwanderung.“ Seiner Ansicht nach war einer der Gründe für den Krieg in Europa, dass die Migration unterbunden wurde und die Menschen gezwungen waren, in wirtschaftlicher Not zu leben. Quelle: „Megathreats“ von Nouriel Roubini
Von Hans Klumbies
