Ohne Aggression lässt sich schlicht nicht streiten

Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wer streitet, darf nicht von vornherein an sich beziehungsweise der eigenen Sichtweise zweifeln, nicht etwaige Gegeneinwände immer schon mitbedenken, nicht insgeheim glauben, dass der andere vielleicht doch im Recht sein könnte.“ Vielmehr ist die notwendige Voraussetzung eines Streits eine affektive Unmittelbarkeit, die Zweifel überhaupt nicht aufkommen lässt. Der Affekt ist es, der einen Menschen in die Lage versetzt, die eigene Gewissheit in einem bestimmten Augenblick gegen eine andere entschieden in Stellung zu bringen. Anders gesagt: Was man braucht, um zu streiten, ist die nötige aggressive Energie. Verstanden in dem Sinne, wie die Psychoanalyse sie deutet: Nämlich als eine affektive Kraft, die zunächst einmal weder gut noch schlecht ist, sondern gebraucht wird, um sich zu behaupten. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

Mit argumentativer Schärfe verleiht man der eigenen Sichtweise Macht

Ohne Aggression gäbe es keine Streitbereitschaft und auch kein Durchsetzungsvermögen. Svenja Flaßpöhler fügt hinzu: „Ohne Aggression lässt sich schlicht nicht streiten. Ganz im Gegenteil: Nur durch sie kann ein Streit überhaupt entstehen.“ Nur durch sie kommt man in die Lage, in einer bestimmten, möglicherweise noch so heiklen Situation zu sagen „Das sehe ich anders!“, um sodann mit argumentativer Schärfe der eigenen Sichtweise Macht zu verleihen.

Hierbei kommen auch rhetorische Mittel wie die Polemik zum Einsatz, um durch Überspitzungen gezielt die Schwachstellen der gegnerischen Argumentation herauszustellen, ja regelrecht aufzuspießen. Auf diese Weise gibt man dem Effekt eine Form: Man verwandelt ihn in eine argumentative Waffe, die dazu dient, den Kampf zu gewinnen. In der Formation des Affekts in Argumente berühren sich Streit und Diskurs. Der Diskursethiker Jürgen Habermas suchte in seiner Rolle als öffentlicher Intellektueller das Schlachtfeld des Streits immer wieder ganz gezielt auf. Er verfügte dabei durchaus über eine ausgeprägte Feindwahrnehmung.

In der Realität lassen sich Aggressionen nicht zum Verschwinden bringen

In einer idealen Welt mögen Diskurse herrschaftsfrei sein. Svenja Flaßpöhler betont: „In der Realität aber lassen sich Aggressionen nicht einfach zum Verschwinden bringen. Sie zu balancieren ist eine Kunst.“ In ihrer Kindheit hat Svenja Flaßpöhler erlebt, wohin Streit führt, wenn der Affekt als reine Zerstörung agiert: zur Auflösung aller Bindungen. Vor allem denkt sie dabei an ihre Mutter, die viel zu verstrickt in ihre eigene Geschichte war, um in ihren Liebesbeziehungen frei zu sein.

Der Streit war ihr Schwert, mit dem sie sich durchs Leben und durch ihre Ehen kämpfte. Svenja Flaßpöhler erklärt: „In den Augen meiner Mutter diente dieses Schwert dem Selbstschutz und zielte doch auf Vernichtung.“ Zum Zeitpunkt Svenja Flaßpöhlers Geburt was sie 20 Jahre alt. Stärker als die Liebe zu meinem Vater, ihren ersten Ehemann, war der Hass auf ihren Vater, dessen tyrannischer Macht sie durch die Gründung einer eigenen Familie endgültig zu entfliehen hoffte. Quelle: „Streiten“ von Svenja Flaßpöhler

Von Hans Klumbies