Das neue Werk „ZeitenWenden“ von Ulrike Guérot ist ihr freistes Buch, denn sie hat, wie die großartige Janice Joplin damals gesunden hat, nicht mehr viel zu verlieren, „nothing left to lose“. In „ZeitenWenden“ seziert die Autorin den geistigen, politischen und gesellschaftlichen Zerfall der Gegenwart. Ulrike Guérot schreibt gegen das Vergessen, das Wegsehen, und die Lüge – und für die Rückbesinnung auf Vernunft, Mut und bürgerlicher Verantwortung. Es sind die Intellektuellen oder die Kulturschaffenden, die mit Trigger-Warnungen und Ähnlichen die Infantilisierung der Gesellschaft mitbetreiben und dabei Grundprinzipien des Humanismus verraten, zum Beispiel, das wehrhafte, mündige aufgeklärte Bürger, was sie tun. Die „Shitbürger“, wie Ulf Poschardt schreibt, sind es auch, die Anstand, Fleiß und Ehrlichkeit verraten haben, aus denen aber der Kitt gemacht ist, der eine Republik zusammenhält.
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Passende Bücher bei Amazon findenEin Krieg ist eigentlich eine Art Ablenkungsmanöver
Erzählt wird derzeit, dass die Zeitenwende Krieg bedeutet: Wegen Putin oder Trump ist jetzt alles anders. Das soll wohl von den ganz grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderungen ablenken, die gerade gleichsam „unter Deck“ passieren. Ulrike Guérot erklärt: „Denn genau das ist ein Krieg: ein fundamentaler Reset für eine Gesellschaft, eigentlich eine Art Ablenkungsmanöver.“ Krieg ist das Projekt zur Bescheidung – oder zur vollständigen Entsorgung? – des Sozialstaates zugunsten des militärisch-industriellen Komplexes.
Es geht nicht nur um eine Zeitenwende, sondern um einen Epochenbruch. Das, was bricht, ist unser Denken und die Art und Weise, die Welt und uns selbst zu verstehen, vor allem den Menschen als Teil der organischen Welt. Simulationen haben die reale Welt ersetzt. Daten, Zahlen und Fakten, die arrangiert werden, um Angst und Unruhe zu erzeugen, die mit der Realität meist nichts zu tun haben, egal, ob es dabei um das Klima, Corona oder die imperialen Ambitionen von Putin geht.
Europa muss sich auf sich selbst zurückbesinnen
Im letzten Teil ihres Buches geht es, nach der Vernunft und der Demokratie, von der wir gerade Abschied nehmen, um den Abschied von Europa, wie wir es kennen, und um die Frage, was aus Europa werden soll. In der neugeordneten Welt hätte Europa keine Platz mehr – es sein denn, es besinnt sich zurück auf sich selbst. Im Moment ist die Europäische Union (EU) jedoch gleichsam eine politischer Hohlraum, der über einen Krieg nur in sich zusammensacken kann. Das wiederum zeichnet sich seit längerem ab.
Ulrike Guérot ist überzeugt, dass weder Russland noch China noch Indien die Absicht haben, Europa militärisch anzugreifen, ganz abgesehen davon, dass alle diese Staaten Europa in vielerlei Hinsicht in ihren gesellschaftlichen und ökonomischen Dynamiken voraus sind. Es ist eine Generationenaufgabe, das Interesse der jungen Generation wieder für Europa zu wecken. Politische Gemeinwesen und Demokratien brauchen Gemeinsinn, nicht atomisierte Individuen. Um das alles im 21. Jahrhundert in die Welt zu tragen, ist es dringend notwendig, dass Europa wieder zu sich findet.
ZeitenWenden
Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart
Ulrike Guérot
Verlag: Westend
Gebundene Ausgabe: 223 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-86489-485-5, 24,00 Euro
Von Hans Klumbies
