Angeklagte Eltern bekommen oft Depressionen und ziehen sich zurück

Angeklagte Kinder dürfen Kinder bleiben, Verständnis und Mitgefühl erwarten. Die Rolle angeklagter Eltern hingegen ist unattraktiv und führt oft zu einem einsamen, depressiven Rückzug. In der Familiendynamik hängt vieles mit vielem zusammen. Gegenwärtig wird unter anderem das Gewicht des Verlusts der gemischten Spielgruppe unterschätz, in der nicht Erwachsene „erziehen“, sondern ältere Kinder die jüngeren sozialisieren. Wolfgang Schmidbauer stellt fest: „In der menschlichen Evolution haben diese Gruppen das Heranwachsen dieser Gruppen geprägt; das hat sich erst in den letzten zweihundert Jahren mit der Individualisierung der Gesellschaft und der wachsenden Bedeutung mobiler Kleinfamilien verändert.“ In diesen Gruppen gab es sehr viel bessere Möglichkeiten, den Umgang mit Aggressionen und Selbstverantwortung zu erlernen; wo sie zurücktreten, erkranken mehr Erwachsene an Depressionen, Kinder werden wegen ihrer Aufmerksamkeitsdefizite medikamentös behandelt, denn was in einer solchen Gruppe willkommen ist, missfällt Erzieherinnen und Lehrern. Wolfgang Schmidbauer gilt als einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands.

Der Verlust animalischer Orientierungen wird unterschätzt

Unterschätzt wird ebenso der Verlust animalischer Orientierungen. Wolfgang Schmidbauer erklärt: „Die Rückbesinnung auf die animalischen Grundlagen unserer Familienbeziehungen schützt uns vor einer destruktiven Romantisierung, in der illusionäre Erwartungen an Eltern- und Kinderliebe hochgehalten werden.“ Wenn sich diese Ziele als unerreichbar erweisen, geht die Möglichkeit verloren, sich nach einem Streit zu versöhnen. Kontakt wird abgebrochen, gegenseitige Entwertungen und die Suche nach Schuldigen bestimmen das Bild.

Sobald unter Primaten die Geschlechtsreife erreicht ist, sind Eltern nicht mehr zuständig. Erwachsene regulieren ihre Beziehungen spontan, Nähe wird gesucht, unerwünschte Nähe abgewehrt, es fehlen die hohen Anforderungen an die Kontrolle der Aggression durch Schuldgefühle und Dankbarkeit. Wolfgang Schmidbauer fügt hinzu: „In einer für beide Seiten zufriedenstellenden Entwicklung der Familie werden diese animalischen Orientierungen integriert.“

Der Mensch ist das Produkt einer biologischen Evolution

Eltern und erwachsene Kinder gestalten ihren Kontakt freundlich, wahren auch Grenzen und scheuen sich nicht, diese notfalls zu verteidigen. Es gibt beides, die Freude an der Nähe und die Erlaubnis zur Distanz. Ein weiterer Faktor, der nicht unterschätzt werden sollte, ist laut Wolfgang Schmidbauer die Psychologisierung der Gesellschaft: „Seit die in schriftlosen Gesellschaften selbstverständliche Sozialisation in einer Gruppe Halbwüchsiger mehr und mehr dem Modell der Alleinverantwortung der Eltern für das Kind wich, wurden vor allem die Mütter für die seelische Entwicklung und das glückliche Leben ihrer Kinder verantwortlich gemacht.“

Die „richtige“ Eltern- oder Kindesliebe soll durch Leistungen bewiesen werden. Angesichts von Mangelerlebnissen greifen Schuldgefühle, Anklagen über falsche Erziehung und ausbleibende Dankbarkeit um sich. Wolfgang Schmidbauer weiß: „In den biblischen Religionen ist der Mensch den Tieren überlegen; er steht ihnen gottähnlich gegenüber. Die moderne Naturforschung hat das entkräftet: Wir teilen über 99 Prozent unsere Erbanlagen mit Menschenaffen und sind das Produkt einer biologischen Evolution.“ Quelle: „Böse Väter, kalte Mütter?“ von Wolfgang Schmidbauer

Von Hans Klumbies