Für die subjektive Dimension der Diskursgeschichte der Grausamkeit stellt Robert Musils Kurzroman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ ein besonders anschauliches Exemplar dar. Die Annäherung an dieses frühe Meisterwerk erfolgt jedoch auf einem Umweg, bei dem einige Autoren vor Musil zur Sprache kommen. Ausgegangen wird von Stendhals Roman „Rot und Schwarz“, der während der Restaurationsperiode zwischen 1815 und 1830 spielt. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „Der Held der Geschichte, der gesellschaftliche Emporkömmling Julien, streitet sich in einer Szene in einem Salon mit dem italienischen Grafen Altamira über den französischen Revolutionär Danton, aber eigentlich dreht sich das Gespräch um Selbstbehauptung, Stolz des männlichen Geschlechts, sozialen Status und nicht zuletzt auch um Grausamkeit.“ Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.
In Stendhals Roman „Rot und Schwarz“ ist die Grausamkeit fast unsichtbar
Wolfgang Müller-Funk fährt fort: „Dieser Zusammenhang ist für die Leserschaft insofern nachvollziehbar, als Julien die junge, aus vornehmer Familie stammende Mathilde, die sich ganz offenbar in ihn verliebt hat, leiden sehen möchte.“ Deshalb ignoriert er beharrlich jeden Annäherungsversuch der Frau. Er weiß genau, dass sie unter seiner Zurückweisung leidet. Und auch er leidet, weil es sein eigenes Begehren unterdrücken muss. Die scheinbar vergebliche Verliebtheit der Frau kündigt eine Wendung in dem sozial ungleichen Verhältnis an.
Stendhal schreibt: „Er hob nicht einmal den Blick zu ihr. Sie, mit ihren schönen, weit aufgerissenen und auf ihn gehefteten Augen, sah wie seine Sklavin aus.“ Das ist ein Akt der Verstellung, die in diesem Fall eine des sozial Inferioren ist, der doch letztendlich diese Frau zum sozialen Aufstieg benötigt. Wolfgang Müller-Funk ergänzt: „Diese Schilderung macht deutlich, dass ein bestimmter grausamer Impuls auch bei scheinbar ganz arglosen Situationen zum Zug kommt und sich nicht unbedingt an den handfesten Folgen messen kann.“
Die Gewalttaten von Diktatoren bilden nur die Spitze eines Eisberges
Dadurch ist das Phänomen gezielter Gewalt viel allgegenwärtiger, als es auf den ersten Blick erscheint. Die inszenierten und dosierten Gewalttaten von Diktatoren bilden nur die Spitze des Eisberges eines mächtigen menschlichen Antriebs. Wolfgang Müller-Funk erläutert: „Der Nadelstich, der Mathilde durch Julien versetzt wird, bleibt unsichtbar und beinahe unbemerkt. Umso besser lässt sich an ihm die Anatomie der Grausamkeit studieren, die darauf abzielt, eine ungleiche Machtsituation zu evozieren.“
In Georg Wilhelm Friedrich Hegels „Phänomenologie des Geistes“ ist die Gegenüberstellung von Herrschaft und Knechtschaft der Kampf zweier ursprünglich äquivalenter Bewusstseine um Selbstbewusstsein. Wolfgang Müller-Funk stellt fest: „Um Letzteres zu erlangen, bedarf es vonseiten eines Anderen, die freilich am Ende doppelt ungleich und schief ist. Denn dem zum Knecht Gewordenen bleibt der Status eines gleichwertigen Selbstbewusstseins verwehrt, während der Sieger in einer überraschenden Kehrtwendung von der Arbeit des Knechts und vom damit verbundenen konkreten Verhältnis der Welt abhängig ist.“ Quelle: „Crudelitas“ von Wolfgang Müller-Funk
Von Hans Klumbies
