Rob Wijnberg schreibt: „Was Liebe für den Menschen ist, ist Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann.“ Wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Rätsel – eine mysteriöse Vision, der wir nachjagen und nach der wir streben, in der Hoffnung, dass unsere Sehnsucht in ihr Erfüllung finde: eine Sehnsucht, die uns zu poetischen Worten und größten Taten inspiriert, die uns zu Mitgefühl und Veränderung bewegen kann. Und wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Versprechen – das Versprechen, dass sie unserem Dasein, haben wir sie einmal gefunden, Sinn und Richtung geben wird: dass sie Klarheit im Chaos schaffen und ihr Licht in der Dunkelheit leuchten lassen wird. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.
Die Wahrheit kann verschiedene Bedeutungen annehmen
Doch wie die Liebe kann die Wahrheit auch eine destruktive Kraft sein. Wird sie nicht mehr geteilt, wird sie zu einer Kraft, die uns gegeneinander aufwiegelt. Rob Wijnberg ergänzt: „Denn wie die Liebe kann die Wahrheit auch verloren gehen. Dann ist sie keine Sehnsucht mehr, sondern eine Enttäuschung, die uns zynisch und pessimistisch macht.“ Sie bringt uns dazu, einander misstrauisch zu betrachten, und lässt uns in bösartige Fantasien flüchten und auf unser eigenes Recht pochen.
Wer sich mit der Geschichte der Wahrheit befasst, kann leicht erkennen, dass die Menschen der Wahrheit im Laufe der Jahrhunderte viele Bedeutungen zugeschrieben haben. Rob Wijnberg erläutert: „Von einem unerreichbaren Mysterium, das Menschen Erlösung in einem Jenseits versprach, bis zu einer mobilisierenden Vision, die Menschen an eine Utopie auf Erden glauben ließ. Von einem verherrenden Glaubensartikel, der den Menschen zu den Waffen greifen ließ, bis zu einer emanzipatorischen Kraft, die den Menschen dazu bewegte, sich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung aufzulehnen.“
Die Wahrheit ist ein gesellschaftlicher Gemütszustand
Bei der Wahrheit geht es also nicht darum, ob etwas „stimmt“, ob etwas eine „Tatsache“ ist oder ob jemand „recht“ hat – die Bedeutung, die der Begriff heut im allgemeinen Sprachgebrauch oft hat. Rob Wijnberg stellt fest: „Wahrheit ist viel mehr als das. Sie ist eine Brille, durch eine Gesellschaft die Welt betrachtet. Die Brille, die bestimmt, was sichtbar ist und was nebulös bleibt. Die Stimme, die bestimmt, was wir für möglich oder für unmöglich halten – was wir als realistisch oder als undenkbar bezeichnen.“
Wahrheit ist auf diese Weise mitentscheidend für dafür, ob wir als Gesellschaft optimistisch oder pessimistisch gestimmt sind, ob wir individualistisch oder kollektivistisch gestimmt sind, untertänig oder selbstbewusst, in uns selbst gekehrt oder offenherzig, nostalgisch oder zukunftsorientiert eingestellt sind. Rob Wijnberg betont: „Die Wahrheit ist sozusagen ein gesellschaftlicher Gemütszustand. Wer den Zeitgeist ergründen will, hat daher keinen besseren Bezugspunkt als die Wahrheitsauffassung, die eine Gesellschaft kennzeichnet.“ Quelle: „Ruinen der Wahrheit“ von Rob Wijnberg
Von Hans Klumbies
