Weltweit sinken die Geburtenraten

Andreas Hoffmann stellt fest: „Die Deutschen beschwören seit über 100 Jahren, dass sie ein Land der Faltigen und Weißhaarigen werden, dass die Rentenkasse kollabiert, und es ist immer kurz vor knapp. Die Katastrophe aber will und will nicht eintreten.“ Die Zukunft ist scheinbar dennoch ein Gruselkabinett, jede Statistik, jede Grafik ein Anlass zum Fürchten. Ein Drehbuch zur Apokalypse. Das ist nicht nur in Deutschland so. Die Alarmsirenen heulen überall. Weltweit sinken die Geburtenraten. Im Jahr 2100 sollen nur noch sechs Länder übrig sein, in denen die Bevölkerung nicht schrumpfen wird. Das gelingt nur, wenn jede Frau im Schnitt 2,1 Kinder zur Welt bringt. Die Länder, die dieses Kunststück schaffen sollten, heißen Samoa, Tonga, Somalia, Niger, Tschad und Tadschikistan. Andreas Hoffmann ist Journalist. Als diplomierter Volkswirt schreibt er über Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik.

Fachleute sehen einen erschütternden sozialen Wandel

Was den Rest der Welt erwartet, wird in düsteren Farben gemalt. Der „Economist“ fürchtet, dass in vielen Ländern die „öffentlichen Schulden sich aufblähen“ und „das Wachstum immer schwächer wird, bis es stoppt, und der Lebensstandard sinkt“. Andreas Hoffmann ergänzt: „Fachleute sehen einen erschütternden sozialen Wandel, der das internationale Gleichgewicht völlig umgestalten werde.“ Elon Musk glaubt, dass eine sinkende Geburtenziffer die Zivilisation zerstört.

Die Länder kämpfen dagegen an. Mit Programmen, Parolen, Prämien und viele Milliarden für mehr Nachwuchs. Andreas Hoffmann ist ein klassischer Babyboomer, geboren auf dem Höhepunkt der Geburtenwelle. Im Jahr 1962. Seine Generation hörte stets: „Ihr seid zu viele.“ In der Schule. In der Lehre. An der Uni. Und jetzt, Glückwunsch, in der Rente. Immer zu viele. Außer bei den Kindern, da hat seine Generation zu wenige gezeugt. Angeblich. Diesen Katastrophenblues kennt Andreas Hoffmann seit über vierzig Jahren, und bislang dachte er, dass er für die Boomer komponiert worden war.

Ralf Ulrich sagt: „Wir sterben immer wieder aus.“

Dass er seit knapp 100 Jahren gespielt wird, dass er ein Evergreen ist, der in verschiedenen Tonlagen, von diversen Sängern und wechselnden Interpreten aufgeführt wird, war Andreas Hoffmann neu. Vielleicht ist die Geschichte mit den harten Fakten der Demografie übertrieben? Eine Art dystopisches Theater, das alle paar Jahre neu aufgeführt wird. Der Regisseur und die Darstellenden wechseln, aber das Stück bleibt dasselbe. Der Bevölkerungswissenschaftler Ralf Ulrich drückte es so aus: „Wir sterben immer wieder aus.“

Die Mär von der „alternden Gesellschaft“ begleitet uns schon lange – seit dem Zeitpunkt, zu dem die Wissenschaft unsere Lebenszeit verlängert hat. Andreas Hoffmann erläutert: „Drei zusätzliche Jahrzehnte haben wir im Vergleich zu Menschen des späten 19. Jahrhunderts. Die Menschen schuften körperlich weniger, die Arbeitszeit sank, der Urlaub wuchs, das Berufsleben reicht nicht mehr von der Kindheit bis zum Tod, sondern beginnt meist nach langer Ausbildung und endet mit 65 Jahren, na gut, bald mit 67 Jahren.“ Quelle: „Die erfundene Bedrohung“ von Andreas Hoffmann

Von Hans Klumbies