Otfried Höffe setzt in seinem Essay „Die hohe Kunst der Weisheit“ stillschweigend voraus, dass die Weisheit nicht jenen Charakter einer angeborenen Begabung hat, die nur wenige Menschen, gewissermaßen eine geistige Elite, auszeichnet. Otfried Höffe geht stattdessen von der Annahme aus, die Weisheit sei keine nur wenigen Menschen vorbehaltene Gabe. Sie gilt vielmehr als eine Eigenschaft oder, wahrscheinlicher, als ein Bündel von Eigenschaften, das erlernt werden kann und dafür Unterstützung, also ein Lehren, verdient. Für unsere demokratischen Zeiten und Gesellschaften wäre es jedenfalls ideal, wenn es jedem Menschen offenstünde, weise zu werden, und es dafür Möglichkeiten des Lernens und Lehrens gäbe. Ein weiteres Argument: Offensichtlich braucht der Mensch schon für sein Überleben, ebenso für ein angenehmes und für ein humanes Leben, das „Lebensweisheit“ genannte Wissen und Können. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.
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Passende Bücher bei Amazon findenIn allen Kulturen gibt es einen gemeinsamen Kern der Lebensweisheit
Mit der Hilfe der Lebensweisheit will sich der Mensch nämlich in allen existenziell wichtigen Aufgaben und Belangen auf eine möglichst optimale Weise zurechtfinden. Otfried Höffe erklärt: „Bei der dafür zuständigen Weisheit geht es also um eine ebenso umfassende wie gründliche, vor allem auch herausragende Daseinsorientierung und Daseinsbewältigung – und dies in beiden, in deren theoretischer und deren praktischer Bedeutung.“ Darüber hinaus, so darf man vermuten, gibt es trotz der unterschiedlichen Kulturen, welche die Menschen prägen, eine gemeinsamen Kern aller Lebensweisheit.
Weil nicht nur die Frage nach dem Wesen der Weisheit, sondern auch die Suche nach Wegen, sie zu erwerben, ein allgemeinmenschliches Ziel ist, will man wissen, wie und wie weit man die Weisheit lernen und lehren kann. Otfried Höffe erläutert: „Falls die Weisheit aber mit einem Handwerk vergleichbar wäre, würden freilich nicht alle Menschen die Höchstform von Wissen und Können erreichen, sondern lediglich wenige – jene Ausnahmepersonen, die von den anderen, den vielen, als Weise bewundert und dort, wo es sinnvoll ist, um Rat und Tat gebeten werden.“
Gewöhnliche Menschen haben oft für Probleme keine Antwort
Denn die gewöhnlichen Zeitgenossen sind häufig, wie eine Redensart sagt, „mit ihrer Weisheit am Ende“. Gemeint ist, sie haben auf die anstehenden Probleme keine Antwort; sie sind für sich ratlos, folglich über Ratschläge anderer froh. Otfried Höffe vermutet: „So weitläufig und facettenreich wie wir das menschliche Dasein kennen, wird auch das Themenfeld der Weisheit sein.“ In der Geistesgeschichte findet man bedeutende Beispiele einer religionsfreien, insofern säkularen oder profanen Weisheit, wie etwa das Persönlichkeitsideal der Stoa.
Ohnehin ist für die Philosophie ein säkulares Verständnis charakteristisch, vielfach sogar essentiell. Otfried Höffe blickt zurück: „Seit den Anfängen bei den antiken Griechen versteht sie sich nämlich von ihrer Selbstbezeichnung her als eine Liebe zur Weisheit, die sie mittels Begriffen und Argumenten selbst und allein sucht, ohne dafür eine außermenschliche Autorität, etwa eine göttliche Offenbarung, zurückzugreifen.“ Überdies sind auch andere, sowohl nicht philosophische Weisheitsüberlegungen von aller Religion frei, mithin rein säkularer Natur. Quelle: „Die hohe Kunst der Weisheit“ von Otfried Höffe
Von Hans Klumbies
