Von einem Philosophen erwartet man, einleitend seinen Gegenstand zu bestimmen. Otfried Höffe betont: „Die Erwartung ist umso berechtigter, wo der Gegenstand, hier die Weisheit, hochgeschätzt wird, aber unklar bleibt, was genau denn so schätzenswert sei.“ Hilfsweise kann man fragen, welche Menschen wir denn für weise halten. Je nach persönlicher Vorliebe wird man auf den Dalai Lama, aus Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela, vielleicht auch auf Papst Franziskus hinweisen. Weise nennen wir nämlich Vorbilder für unser Leben oder Vorzeigepersonen, gelegentlich freilich nur die kundigen Mitglieder eines wirtschaftspolitischen Beratungsgremiums, den man den Beinamen der Fünf Weisen gegeben hat. Auch wenn letztere Bezeichnung zu schmeichelhaft klingt, ist sie, prinzipiell betrachtet nicht unzulässig. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.
Stoiker ertragen die Unbilden des Lebens mit Gelassenheit
Darin liegt auch ein Grund, warum die einleitende Bestimmung nicht leicht vorzunehmen ist: Der Gegenstand der Weisheit ist mehrdeutig; er kennzeichnet sowohl Vorzeigepersonen als auch Fachleute. Otfried Höffe schreibt: „Beginnen wir mit den humanen Vorbildern: Weiß man, worin deren Weisheit besteht, weiß man es zumindest annäherungsweise, obwohl die erwähnten Personen doch auf sehr unterschiedliche Weise menschlich herausragen? Zur Beantwortung können Philosophen helfen. Sie können an ein antikes Ideal erinnern, das gegenüber dem Hinweis auf heutige Personen zwei Vorteile hat.“
Anders als diese wird das Ideal nicht erst für eine kurze Zeit anerkannt. Es dient nämlich über viele Jahrhunderte, von der griechischen Antike bis weit in die Neuzeit, als Vorbild. Gemeint ist der stoische Weise. Otfried Höffe erklärt: „Zum anderen ist dieses Ideal des Problems der unterschiedlichen Persönlichkeiten enthoben, denn es hat einen einzigen Gehalt: Nach dem stoischen Ideal ist weise, wer die Unbilden des Lebens in Gelassenheit, sogar in Heiterkeit, wer sie mit „stoischem Gleichmut“ zu ertragen vermag.“
Der stoische Gleichmut deckt das Gesamtbild eines Weisen nicht ab
Diese Fähigkeit, selbst in den schlimmsten Widrigkeiten des Lebens seine Eigenständigkeit und Freiheit zu bewahren, wird ohne Frage auch heute noch als vorbildlich angesehen. Allerdings hält man sie für eine hohe – beinahe zu hohe, übermenschliche – Charaktereigenschaft. Otfried Höffe ergänzt: „Selbst wenn man den stoischen Gleichmut bescheidener, nicht mehr als ein so gut wie unerreichbares, sondern als ein menschenmögliches Ideal versteht, deckt er das Gesamtbild eines Weisen nicht ab.“
Da es nicht unberechtigt ist, den Dalai Lama, Gandhi und Mandela sowie Papst Franziskus als weise einzuschätzen, gehört zum heutigen Verständnis der Weisheit mehr als nur die Fähigkeit, alle Unbilden des Lebens zu meistern. Otfried Höffe erläutert: „Es braucht noch andere Vorzüge, insbesondere eine vorbildliche Beziehung zu den Mitmenschen, auch wenn dieser Bezug, zeigen die erwähnten Vorbilder, unterschiedlich ausfallen darf.“ Viele Menschen dürften den sozialen und politischen Bezug sogar für wichtiger halten als die in stoischem Gleichmut betonte Vorbildlichkeit, die bloß auf die eigene Person bezogen ist. Quelle: „Die hohe Kunst der Weisheit“ von Otfried Höffe
Von Hans Klumbies
