Wahrheit ist nicht allein ein philosophisches Thema

Keine Frage, die Philosophie hat ein besonderes Verhältnis zur Wahrheit. Nicht dass Wahrheit allein ein philosophisches Thema wäre. Im Gegenteil: Die Wahrheit und vor allem das, was sie mit den Menschen macht, geht über die Philosophie hinaus. Peter Trawny betont: „Dennoch hat die Philosophie sozusagen – immerhin – ein angeborenes Vorrecht, zu untersuchen, zu erklären, was Wahrheit ist. Denn wo sonst, wenn nicht in der Philosophie, wird gefragt, was Wahrheit sei?“ Ob sie dabei erfolgreich ist und was Erfolg an dieser Stelle heißen kann, sind andere Fragen. Dass also Philosophen immer wieder vor die Frage jenes römischen Statthalters in Jerusalem – „Was ist Wahrheit?“ – gestellt worden sind, gehört zu ihrem Beruf. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

Gerade in Bezug auf die Wahrheit erwartet man Eindeutigkeit

Dass sie unterschiedlich auf diese Frage antworten, liegt – entgegen der allgemeinen Erwartung an Philosophie – im Sinn der Sache. Denn gerade in Bezug auf die Wahrheit erwartet man Eindeutigkeit. Peter Trawny erklärt: „Man meint, dass verschiedene Verständnisse der Wahrheit dem Begriff selbst widersprechen. Denn etwas soll eben wahr sein oder nicht – das müsse dann natürlich erst recht für die Wahrheit selbst gelten. So ist es aber nicht.“

Peter Trawny möchte an etwas erinnern: „Es gab eine Phase der deutschen Philosophie, in der es auf forcierte Art und Weise um die Wahrheit ging, in der die Philosophen sich selbst als „Priester der Wahrheit“ bezeichnet haben – dann doch wohl eher in einer Religion der Wahrheit?“ Die Philosophie entwickelte sich geradezu zu einer heiligen Handlung, zu einer Ekstase des Wahren. Ungefähr vier Jahrzehnte inszenierte sich die Philosophie als Wahrheitstheater. Ihr Anspruch war „absolut“.

Für Platon und Aristoteles gehören Theorie und Theater zusammen

Theater und Theorie – das gehört vom Wort her zusammen. Für die Erfinder der Philosophie, für Platon und Aristoteles, war die Verbindung noch greifbar. Im Theater betrachtet man die Götter auf der Bühne, in der Theorie am Himmel. Peter Trawny erläutert: „In den gleichmäßigen Bewegungen der Helden auf dem Theater erblickten die Philosophen die gleichmäßigen Bewegungen der Planeten.“ In den konsequent tragischen Aktionen der Helden auf dem Theater erblickten sie das abgründige Wesen der Affekte.

Das Theorietheater des 18. und 19. Jahrhunderts findet in wilderen Zeiten statt. Peter Trawny stellt fest: „Das beginnt im Jahr 1789. Da ist in Frankreich der Teufel los. Georges Danton, einer der Hauptrevolutionäre, wird 1794 in Paris guillotiniert.“ Auch Maximilien de Robespierre, der gerade noch auf dem Marsfeld das Fest des höchsten Wesens organisiert, verliert einen Kopf. Das französische Revolutionsheer marschiert im Rheinland ein. Im armen Polen gibt es Aufstände gegen die Hegemonialstaaten Preußen und Russland. Quelle: „Krise der Wahrheit“ von Peter Trawny

Von Hans Klumbies

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