Aus der Geschichte der Geldkrisen hätte man lernen können, dass der Zusammenschluss verschiedener politischer und wirtschaftlicher Regionen zu einer Geldgemeinschaft auf tönernen Füßen steht. Die leisten Politiker haben diese Lektion jedoch nicht gelernt. Thomas Mayer weiß: „Unter einer Währungsunion versteht man die Abgabe der Geldemission durch Nationalstaaten und deren Zentralbanken an eine supranationale Institution oder die enge Koordinierung nationaler Emissionen.“ Die erste Definition trifft auf die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (EWU) zu, die zweite auf ihren Vorgänger, die Lateinischen Münzunion (LMU). Natürlich gab es in der Vergangenheit noch andere Währungsunionen, zum Beispiel die kurzlebige Rubelwährungsunion von 1991 bis 1993. Thomas Mayer ist promovierter Ökonom und ausgewiesener Finanzexperte. Seit 2014 ist er Leiter der Denkfabrik Flossbach von Storch Research Institute.
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Passende Bücher bei Amazon findenHochwertige Münzen wurden in Gold geprägt
Im Geldsystem des 19. Jahrhundert herrschte der Metallstandard. Thomas Mayer erklärt: „Hochwertige Münzen wurden in Gold, niedriger wertige in Silber und Kupfer geprägt. Papierscheine dienten als Repräsentanten des Metallgelds. Geld war im Kern geprägtes Metall.“ Doch spielten die Marktpreise für die Metalle den von den Münzprägern festgelegten Austauschverhältnissen immer wieder üble Streiche, und die verschiedenen staatlichen Münzprägeanstalten stellten Münzen von unterschiedlicher Metallqualität her.
Insofern wirkte der Metallstandard zwar wie ein gemeinsamer Geldanker für alle Länder, aber die Länge der Ankerketten war nicht exakt gleich, sodass die jeweiligen Währungen nicht über Staatsgrenzen hinweg als homogenes Tauschmittel dienen konnten. Thomas Mayer fügt hinzu: „Andererseits nahm aber mit der Industrialisierung die wirtschaftliche Verflechtung auf dem europäischen Kontinent im Handel und Kapitalverkehr stark zu, und man lernte die Vorteile von allgemeinen Standards und Normen kennen. Folglich schien es zumindest dort, wo keinen Seegrenzen größeren Abstand schufen, sinnvoll, auch die Münzen über nationale Grenzen hinweg zu normieren.“
Napoleon III. wollte mit der Münzunion Großbritannien Paroli bieten
Vor diesem Hintergrund trieb in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts der Ökonom und Politiker Félix Esquirou de Parieu die Idee einer kontinentalen Währungsunion voran. Aber Félix Esquirou de Parieu verfolgte mit der Währungsunion auch politische Ambitionen. Thomas Mayer erläutert: „Er wollte eine europäische Friedensordnung auf dem Fundament eines einheitlichen Goldstandards schaffen. Die Lateinische Münzunion sollte ein erster Schritt dahin sein. Als Vizepräsident des Staatsrates hatte er großen Einfluss auf den Kaiser Napoleon III.“
Bei diesem rannte Félix Esquirou de Parieu offene Türen ein. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Waterloo suchte Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts wieder nach Geltung. Napoleon III. sah die Münzunion als Instrument zu Erlangung der „Hegemonie über Kontinentaleuropa“. Auch wollte er Großbritannien Paroli bieten. Thomas Mayer ergänzt: „Aus Gelddominanz würde Finanzdominanz und am Ende politische Dominanz, so die Überlegung.“ Quelle: „Das Inflationsgespenst“ von Thomas Mayer
Von Hans Klumbies
