Wache Geister lassen sich von philosophische Fragen irritieren

Barbara Bleisch erklärt: „Wache Geister brauchen keinen Sokrates, um sich von philosophischen Frage irritieren zu lassen. Vielmehr werden sie permanent von Fragen belästigt, die ihnen die Vernunft aufgibt, die diese aus eigenem Vermögen nicht zu lösen imstande ist, wie Immanuel Kant in seiner Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt.“ Freilich kann man sich den philosophischen Fragen auch verweigern und sich ein Leben lang dem dogmatischen Schlummer hingeben, von dem Immanuel Kant auch spricht. Wer aber an der Wahrheit interessiert ist, wird sich stets von Neuem aufstören lassen, ja aufstören lassen müssen, weil die inneren Fragen nicht zur Ruhe kommen. Die Philosophin und Autorin Dr. Barbara Bleisch ist Dozentin an den Universitäten Zürich und Luzern sowie Co-Intendantin des Philosophicum Lech.

Die Philosophie ist aus dem Willen zur Störung geboren

Doch richten Fragen und Gedanken auch wirklich Schaden an? Das war ein weiteres Kriterium für eine Störaktion. Zwar haben weder Sokrates noch Galileo Galilei nach heutigem Verständnis nachhaltigen Schaden angerichtet. Barbara Bleisch blickt zurück: „Jene, die sich damals an ihrem Gebaren störten, sahen dies allerdings deutlich anders. Sokrates musste schließlich sogar den Schierlingsbecher trinken, so gefahrenreich schienen seine Ideen.“ Galileo Galilei landete zwar nicht auf dem Scheiterhaufen wie sein Landsmann Giordano Bruno einige Jahrzehnte davor, aber die Inquisition versuchte den Universalgelehrten mit alle Mitteln mundtot zu machen.

Da erging es dem kritischen Geist Immanuel Kant schon besser, der weit über das damalige Preußen hinaus als kluger Kopf und aufregender Denker gefeiert wurde, wenn er auch, weil er vor der letzten Konsequenz des Selberdenkens nicht einknickte, von seinem Zeitgenossen Moses Mendelssohn eben nicht freundlich als „Alleszermalmer“ betitelt wurde. Die Philosophie ist, so könnte man sagen, erstens aus dem Willen zur Störung geboren – einer Störung freilich, die nicht bei der Destruktion stehen bleibt.

Abweichler werden ignoriert oder angeprangert

Sondern es handelt sich dabei um eine Störung, die stets die Konstruktion im Blick hat: den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft und die Erkenntnis von Wahrheit. Barbara Bleisch fügt hinzu: „Zweitens werden wir den Sand, den die Philosophie ins Getriebe streut, so leicht nicht los, denn einmal bedacht, dass vieles oder sogar alles ganz anders sein könnte, vermögen wir den Zweifel nicht so schnell abzustreifen.“ Manche Ideen verfügen drittens über so viele Sprengkraft, dass sich die Mächtigen gegen unliebsame Zweifler mit aller Kraft zur Wehr setzen.

Liest man Berichte darüber, wie stoßende Positionen gecancelt und missliebige Personen ausgeladen werden, scheinen wir heute noch wie damals versessen darauf, an unserem Tunnelblick festhalten zu wollen. Barbara Bleisch ergänzt: „Was abweicht, irritiert und stört, wird nicht nur mutwillig ignoriert, sondern auch angeprangert und verboten. Manchmal entpuppt sich ein entsprechender Shitstorm zwar als Marketingkampagne schlechthin, denn die Missgunst der einen ist für die anderen ein recht willkommener Anlass, sich der Person zuzuneigen.“ Quelle: „Sand im Getriebe. Eine Philosophie der Störung“ von Barbara Bleisch in Philosophicum Lech Band 27

Von Hans Klumbies