Vorurteile behindern die Wahrheitsfindung

Zeugnisungerechtigkeit ist notwendigerweise mit Vorurteilen verbunden. Hin und wieder ist Zeugnisungerechtigkeit jedoch ein ganz normaler Aspekt von Situationen, in denen etwas bezeugt wird. Miranda Fricker erklärt: „Manchmal hat diese Art von Ungerechtigkeit harmlose Auswirkungen und richtet kaum Schaden an, doch manchmal kann sie eine schwerwiegende Schädigung bewirken, vor allem wenn die Ungerechtigkeit anhaltend und systemisch ist.“ Vorurteile behindern die Wahrheitsfindung entweder direkt, indem der Hörer ihretwegen eine bestimmte Wahrheit nicht mitbekommt, oder indirekt, indem sie die Weitergabe von wichtigen Gedanken behindern. Die Tatsache, dass Vorurteile eine Sprecherin daran hindern können, ihr Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, zeigt darüber hinaus, dass Zeugnisungerechtigkeit in einer kollektiven Sprechsituation eine schwerwiegende Form von Unfreiheit darstellt. Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.

Die Vernunft zeichnet den Menschen aus

Nach der Auffassung von Immanuel Kant ist eine freie Sprechsituation grundlegend für die Autorität des Gemeinwesens, ja, sogar für die Vernunft an sich. Miranda Fricker erläutert: „Wenn man in einer für den menschlichen Wert wesentlichen Eigenschaft missachtet oder anderweitig benachteiligt wird, erleidet man eine intrinsische Ungerechtigkeit.“ Gerade bei Zeugnisungerechtigkeit zeigt sich diese Form der intrinsischen Ungerechtigkeit so, dass dem Subjekt als jemand, der Wissen vermittelt, Unrecht widerfährt.

Die Fähigkeit, anderen Menschen Wissen zu vermitteln, ist ein Aspekt jenes facettenreichen Vermögens, das für den Menschen so bedeutsam ist: der Vernunft. Miranda Fricker fügt hinzu: „Schon lange begleitet uns die Vorstellung – sie wurde in der Geschichte der Philosophie in den unterschiedlichsten Variationen zum Ausdruck gebracht –, dass es die Vernunft ist, die uns Menschen auszeichnet.“ Kein Wunder also, dass es einen zutiefst treffen kann, wenn man in seiner Eigenschaft als jemand, der Wissen vermittelt, beleidigt, missachtet oder anderweitig verletzt wird.

Zeugnisungerechtigkeit entwürdigt einen Menschen symbolisch

Ebenso wenig ist es verwunderlich, dass es in einem Umfeld der Unterdrückung die Mächtigen die Machtlosen genau in dieser Eigenschaft herabsetzen, denn dadurch untergraben sie deren Menschsein im Kern. Miranda Fricker stellt fest: „Da die primäre Ungerechtigkeit darin besteht, jemanden hinsichtlich einer für seinen Wert als Mensch wesentlichen Fähigkeit zu beleidigen, erhalten selbst die harmlosesten Vorkommnisse eine symbolische Kraft, die eine weitere Schadensdimension erzeugt.“

Wenn jemanden eine Zeugnisungerechtigkeit widerfährt, wird er als Wissender herabgesetzt und als Mensch symbolisch entwürdigt. Miranda Fricker ergänzt: „In allen Fällen von Zeugnisungerechtigkeit leidet die betroffene Person nicht nur unter dem epistemischen Unrecht an sich, sondern auch unter der Bedeutung dessen, dass sie so behandelt wird.“ Eine derartig entmenschlichende Behandlung, insbesondere wenn sie vor anderen geschieht, kann zutiefst demütigend sein, selbst wenn das Unrecht ansonsten geringfügig ist. Quelle: „Epistemischen Ungerechtigkeit“ von Miranda Fricker

Von Hans Klumbies