Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit verbundenen Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber schreibt in seinem Buch „Liebe! Ein Aufruf“ folgendes: „Ein paar Wochen zuvor war ich bei der Lektüre von Hannah Arendts „Denktagebuch“ auf einen kurzen Eintrag gestoßen, der eine ähnliche Einsicht zum Ausdruck zu bringen schien. […] Am meisten faszinierten mich darin die wiederkehrenden Aufzeichnungen zum Wesen der Liebe und ihrer möglichen politischen Kraft.“ Von der Liebe und der Liebe zur Welt schien für Hannah Arendt eine grundlegende politische Kraft auszugehen, doch dieser Kraft begegnete sie mit großer Skepsis. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.
Entwicklungen zum Besseren führen oft nur über kleine Schritte
Eine Politik des Hasses schien immer mehrheitsfähiger zu werden. Es gehörte wieder zum Alltag vieler Menschen, auf der Straße verbal und oftmals auch körperlich angegriffen zu werden. Es gab wieder ganze Gegenden in Deutschland, in denen Menschen nicht mehr sicher waren. Dennoch spielten die Regierenden diese Gefahr herunter. Die Philosophin Marta Nussbaum geht davon aus, dass wir Liebe nicht nur in unserem persönlichen, sondern auch in unserem politischen Leben zum Überleben brauchen.
Daniel Schreiber möchte dazu aufrufen, unseren lebensweltlichen Status quo, der immer weiter die Welt und das Klima zerstört, in einen nachhaltige Zunft zu überführen. Zudem fordert der Autor, sich nicht in Zynismus zurückzuziehen, sich nicht an die schale Bestätigung zu klammern, dass man alles besser wusste, wenn es zu spät ist. Daniel Schreiber weiß, dass Entwicklungen zum Besseren kleine und größere Schritte nach vor beinhalten und manchmal auch Rückschritte. Dass sie nie so linear oder erdrutschartig erfolgen, wie man es möchte.
Daniel Schreiber fordert eine Politik der Liebe
Zudem möchte Daniel Schreiber dazu aufrufen, in unseren politischen Verhandlungen und Diskussionen auf das Gemeinsame, das uns Verbindende zu schauen, anstatt auf das, was uns voneinander trennt. Jeder sollte hellhörig werden, wenn jemand beginnt, andere Menschen zu verhöhnen und zu dämonisieren. Und gegen eine Rhetorik von Menschenverachtung und Gewalt anzugehen, egal woher sie kommt. Außerdem sollte man seine politischen Gegner nicht als Feinde abstempeln.
Daniel Schreiber schreibt am Ende seines Buches: „Ich möchte zu einer Politik der Versöhnung aufrufen, wie sie Martin Luther King praktiziert hat, zu einer Politik die vielleicht die politischen Taten des Gegenübers verachtet, aber nicht das Gegenüber selbst. Ich möchte zu einer Politik aufrufen, die auf die Stärke von Vergebung zurückgreift.“ Anders können wir als Gesellschaft nicht bestehen. Deshalb ist jeder dazu aufgerufen, leidenschaftlich für Gemeinsinn zu kämpfen, für Verbundenheit, und ja, immer wieder und unbedingt, für eine Politik der Liebe.
Liebe! Ein Aufruf
Daniel Schreiber
Verlag: Hanser Berlin
Broschierte Ausgabe: 158 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-446-28593-4, 22,00 Euro
Von Hans Klumbies
