Der junge Bildhauer Donatello schuf zwischen Februar 1408 und Juni 1409 eine freistehende, etwas überlebensgroße Statue des biblischen David. Sie war für einen Strebepfeiler des Florentiner Doms bestimmt, doch man stellte die Figur dort nicht auf. Volker Reinhardt vermutet: „Offensichtlich waren die Bauverantwortlichen davon überzeugt, dass sie in der großen Höhe unterhalb der Kuppel nicht zur Geltung kommen würde.“ Stattdessen wurde der David in den innersten Ratssaal des „Palazzo della Signoria“ des Regierungssitzes der Stadtregierung, verbracht. Am Dom wäre Donatellos Werk Teil einer Zwölferserie großer Gestalten des Alten Testaments gewesen. In der „Sala dei Signori“ stand er für sich – und Politikern gegenüber, die über die Geschicke der Republik Florenz entschieden. Volker Reinhardt ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Er gehört international zu den führenden Italien-Historikern.
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Passende Bücher bei Amazon findenDavid sollte den Mut der Florentiner anstacheln
Dieser Funktionswandel hatte nicht nur ästhetische Gründe, sondern war auch politisch beabsichtigt. Denn Florenz sah sich auch nach Gian Galeazzo Viscontis plötzlichen Tod in den Kämpfen gegen Mailand in der Rolle des Hirtenknaben. Dieser würde den scheinbar übermächtigen Goliath mit göttlicher Hilfe besiegen. Donatellos Skulptur sollte also Bürgersinn, Aufopferungsbereitschaft und Mut für den Entscheidungskampf aufkommen lassen. Dieser Aufgabe war der David in jeder Hinsicht gewachsen.
Mit seiner Aufstellung in luftiger Höhe wäre Florenz überdies eine Attraktion verloren gegangen. Volker Reinhard weiß: „Donatellos Jugendwerk gehört zu den am innigsten geliebten Werken der Kunststadt Florenz und gilt seit dem 19. Jahrhundert seinen Bewunderern als die Statue, mit der die Renaissance beginnt.“ Kritische Einwände verhallten dagegen ungehört. Es wurde bemängelt, dass in der gedrehten Position der Figur und im Faltenwurf ihrer Kleidung noch viel von spätgotischer Tradition mitschwinge.
Donatello hat die zukünftigen König der Juden vermenschlicht
Aber die Verehrer haben natürlich Recht, denn mit Donatellos Skulptur beginnt unübersehbar etwas Neues. Volker Reinhard erläutert: „David ist nicht als der künftige König der Juden und Ahnherr Jesu Christi dargestellt, sondern als eine Figur im Hier und Jetzt.“ Diese ist nur aus der erregenden Situation des Kampfs um Sein oder Nichtsein zu verstehen. Diesen Kampf hat er soeben siegreich bestanden, wie das abgeschlagene Haupt des Riesen zu seinen Füßen zeigt.
Trotzdem hat seine Anspannung noch nicht nachgelassen. Seine Haltung ist triumphal und wachsam zugleich, als sähe er schon dem nächsten Zweikampf entgegen. Volker Reinhardt betont: „Davids unerschütterliche Selbstsicherheit leitet sich schließlich aus dem Bewusstsein ab, ein Streiter Gottes zu sein. Diese Gewissheit und diesen Auftrag hat Donatello psychologisch nachvollziehbar veranschaulicht und den künftigen König der Juden dadurch vermenschlicht.“ Sein Blick ist nicht nach unten, auf die vollbrachte Heldentat gerichtet, sondern nach vorne, auf seine zukünftige Rolle. Quelle: „Die Macht der Schönheit“ von Volker Reinhardt
Von Hans Klumbies
