Was war zuerst da: die Sensibilität oder die Begriffserweiterung? Philipp Hübl erklärt: „Vermutlich bedingen sich die Faktoren gegenseitig. Eine erhöhte Sensibilität führt dazu, dass wir aufmerksamer werden, die Begriffe erweitern, mehr Fälle entdecken und daher auch mehr darüber sprechen.“ Umgekehrt führen die erhöhte Frequenz und die Erweiterung moralischer Begriffe dazu, dass wir uns mehr mit den Themen beschäftigen, die Aufmerksamkeit stärker auf Grenzfälle lenken und uns so für mehr Fälle sensibilisieren. Bisher ist noch nicht abschließend geklärt, warum seit etwa zehn Jahren Begriffserweiterung und Begriffsfrequenz so stark zugenommen haben. In der Forschung werden verschiedene Faktoren diskutiert. Erstens könnte es sein, dass Menschen in den letzten Jahren sowohl mitfühlender als auch emotional fragiler geworden sind. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Wegen der Selbstdarstellung hat man das Leid zum Thema gemacht
Beide Faktoren sind mit der Neigung zur Begriffserweiterung korreliert. Und zweiten verorten sich Journalisten und Forscher mehrheitlich links der Mitte. Das spielt zwar eine Rolle, kann allerdings nicht erklären, warum man Begriffserweiterung auch rechts der Mitte nachweisen kann. Philipp Hübl stellt fest: „Denn ein weiterer Faktor wurde bisher wenig beachtet. Nicht nur die Wahrnehmung, auch die Kommunikation hat sich verändert. Weil es zum guten Ton gehört, für Unterdrückung, Benachteiligung und moralischer Fehltritte sensibilisiert zu sein, versuchen wir, möglichst klare Signale zu senden.“
Viele Menschen verwenden mehr moralische Begriffe, weil sie sich in der Öffentlichkeit besonders feinfühlig inszenieren oder zumindest mehrdeutige Aussagen im eigenen politischen Lager vermeiden wollen. Philipp Hübl erläutert: „Das ist der sechste Grund für das Moralparadox: Wir glauben, dass die Welt schlechter geworden ist, weil wir aus Gründen der Selbstdarstellung das Leid zum Thema gemacht haben.“ Wer weiß, dass er beurteilt werden kann, ändert sein Kommunikationsverhalten, denn auch für unsere moralische Reputation müssen wir Fehler-Management betreiben.
Die wenigsten Menschen wollen Ungerechtigkeiten verharmlosen
Es ist besser, einmal mehr von Rassismus und Sexismus zu sprechen als einmal zu wenig, sonst könnte man wie jemand wirken, dem das Leid anderer Menschen egal ist. Philipp Hübl fügt hinzu: „Und es ist besser, einen moralischen Begriff zu weit zu fassen, als ihn zu eng zu führen und dadurch wie ein kaltherziger Verharmloser von Ungerechtigkeiten zu erscheinen.“ So ist es vermutlich kein Zufall, dass alle Begriffe der sozialen Gerechtigkeit in ihrer Frequenz um das Jahr 2010 herum steil angestiegen sind.
Damals führten soziale Medien wie Facebook, Twitter, YouTube und LinkedIn die Möglichkeit ein, Mitteilungen anderer Personen zu beurteilen, also zu liken, zu teilen und zu kommentieren. Philipp Hübl ergänzt: „Was jeder intuitiv weiß, zeigen auch große Untersuchungen: Beiträge mit moralisch-emotionalen Wörtern wie „Hass“, „Mord“ oder „Schande“ verbreiten sich in den sozialen Medien besonders schnell, vor allem, wenn sich verfeindete moralische Lager damit gegenseitig kritisieren.“ Quelle: „Moralspektakel“ von Philipp Hübl
Von Hans Klumbies
