Nichts geht mehr auf der Schiene, auch nicht im ganzen Land, weil die Straßen löchrig sind, die Brücken brüchig und die Verwaltung ineffizient. Dirk Steffens ergänzt: „Die Schulden wachsen, die Wirtschaft lahmt, die Politik dreht frei, in den Schulen fehlt Klopapier, Welt und Land stehen am Abgrund. So empfinden es derzeit viele Menschen.“ Ein Schnauze-voll-Gefühl schreit nach Reformen, die, statt schonend mit chirurgischen Besteck, radikal mit der Kettensäge herausschneiden, was uns lähmt. Ganz offensichtlich fragen sich viele Menschen quer durch alle Parteien gerade, was in unserem schönen Vorzeigeland passiert ist, warum gefühlt nichts mehr klappt. „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Wenn die Hoffnung schwindet, taucht ständig dieses leidige Zitat von Heinrich Heine auf in Gesprächen auf. Dirk Steffens ist einer der bekanntesten und renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands, spezialisiert auf Umwelt- und Naturthemen.
Passende Literatur zu diesem Thema:
Aktuelle Angebote zu "Viele Menschen sehen Deutschland am Abgrund stehen"
Passende Bücher bei Amazon findenDer Untergang ist keine unumkehrbare Sache
Ein bisschen Besonnenheit, ein bisschen entspanntes Nachdenken und genaues Hinsehen wären wahrscheinlich besser, damit wir auf der Flucht vor unseren Sorgen nicht aus Versehen Richtung Abgrund losrennen. Dirk Steffens stellt fest: „Die gesamte Menschheitsgeschichte ist schließlich gespickt mit Momenten, in denen disruptive Änderungswünsche über die Vernunft gesiegt haben. Verzweiflung trieb Suchende immer wieder in die Arme wirrer Propheten, brutaler Diktatoren, gewissenloser Populisten oder naiver Weltverbesserer.“
Es ist sicher keine Panikmache, Besorgnis darüber zu äußern, dass so etwas in unserer von Polykrisen geschüttelten Jetzt-Welt wieder passieren könnte – oder vielleicht gerade schon passiert. Dirk Steffens betont: „Aber den Untergang bereits als fait accombli, als unumkehrbare Tatsache, zu betrachten, ist in einem Land, in dem wir so frei, so gesund und so wohlhabend wie niemals zuvor leben, dann doch ziemlich idiotisch. Also würzen wir die fade Untergangssuppe doch mal mit ein bisschen Optimismus.“
Die Menschheit selbst könnte sich aus dem Spiel des Lebens nehmen
Optimist zu sein, bedeutet nicht, naiv zu sein. Ganz objektiv betrachtet ist es durchaus möglich, dass Deutschlands beste Zeiten vorbei sind, dass sogar die ganze Menschheit sich selbst aus dem Spiel des Lebens nimmt. Dirk Steffens fügt hinzu: „Klimakrise, Artensterben, Bodenverlust und einige andere Risiken und Nebenwirkungen unserer Zivilisationsgeschichte haben das Potenzial, die menschliche Erfolgsstory abrupt zu beenden.“ Die verläuft nämlich beunruhigend asynchron: Unsere sozialen Fähigkeiten entwickeln sich deutlich langsamer als unsere technischen.
Das im Homo sapiens verbaute Hirnmodell unterscheidet sich in Aufbau und Funktionsweise nicht grundlegend von dem des Neandertalers. Allerdings gehen wir inzwischen nicht mehr mit Keulen, sondern Hyperschallraketen aufeinander los. Die Vorstellung, unzivilisierte Typen könnten auf rote Knöpfe drücken, die Atom- und Cyberkriege auslösen, kann auch eigentlich robuste Persönlichkeiten in Angst und Schrecken versetzen. Dirk Steffens fasst zusammen: „Homo sapiens könnte in die selbst gegrabenen Gruben fallen.“ Quelle: „Hoffnungslos optimistisch“ von Dirk Steffens
Von Hans Klumbies
