Ein Beispiel tiefer Unwissenheit ist die verbreitete Unfähigkeit, sich eine andere Denkweise als die eigene vorzustellen. Peter Burke fügt hinzu: „Folglich hinterfragt man die eigene Denkweise nicht, weil sie als selbstverständlich und natürlich gilt, ob auf der Mikroebene des „wissenschaftlichen Paradigmas“ – Thomas Kuhn – oder der Makroebene eines vollständigen Glaubenssystems.“ Wenn man versucht, seine eigenen Normen zu beurteilen, erkennt man die Grenzen der Selbstkritik. Die Geschichtsforschung hat Einzelne und Gruppen oft als „leichtgläubig“ bezeichnet, also als unfähig, ihre eigenen Glaubensvorstellungen zu kritisieren. Dabei ignoriert die Forschung allerdings, dass die Betreffenden keinen Zugang zu abweichenden Glaubenssystemen haben. Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College und ist inzwischen emeritiert.
Passende Literatur zu diesem Thema:
Aktuelle Angebote zu "Manche Menschen hinterfragen ihre eigene Denkweise nicht"
Passende Bücher bei Amazon findenEin geschlossenes System kann man kaum oder gar nicht angreifen
In einem geschlossenen System kann man sich nur schwer für neue Gedanken öffnen. Man kann das System kaum oder gar nicht angreifen, wenn man keine Alternativen kennt. Peter Burke ergänzt: „Das ist für gewöhnlich erst nach dem Zusammentreffen mit Angehörigen anderen Kulturen der Fall, wenn der Erwartungshorizont beider Seiten erweitert wird.“ Der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, ist ein bekanntes Sinnbild dafür, dass man etwas zwar weiß, aber nicht wahrhaben oder lieber gar nicht erst erfahren will, die sogenannte freiwillige, absichtliche oder willkürliche Unwissenheit.
Ein Bespiel für die unabsichtliche Unwissenheit bietet die katholische Theologie. Peter Burke erklärt: „Mittelalterliche Theologen wie der heilige Thomas von Aquin unterschieden zwischen „unüberwindlicher Unwissenheit“, wenn sie von Heiden wie Aristoteles sprachen, die vom Christentum nichts wissen und es daher auch nicht annehmen konnten, und „schuldhafter Unwissenheit“, wenn jemand, der von der Existenz des Christentums wusste, es nicht annahm.“
Die Herrschenden wollen das Volk im Zustand der Unwissenheit halten
Schuldhafte Unwissenheit kann einen Einzelnen oder eine Gruppe betreffen. Sozialhistoriker befassen sich besonders mit Letzteren; so postuliert etwa der jamaikanische Philosoph Charles W. Mills eine „white ignorance“ – also ein Nichtwissen, das für Weiße als Gruppe charakteristisch ist – als Grundlage rassistischer Vorurteile. Peter Burke weiß: „Kollektive Unwissenheit steht oft auch hinter der Herrschaft einer Gruppe über eine andere, und zwar auf beiden Seiten.“
Die Herrschenden halten ihre Vorrechte für naturgegeben, die Beherrschten wiederum ihre Unterdrückung und werden dadurch oft von einer Rebellion abgehalten. Daher, wie Diderot bemerkt, die Bemühungen der Herrschenden, „das Volk in einem Zustand der Unwissenheit und Dummheit zu halten“. Die sogenannte „selektive“ Unwissenheit wurde vor 100 Jahren von Lytton Strachey, einem britischen Biografen, in seiner gewohnt ironischen Manier gefordert: „Unwissenheit ist das wichtigste Werkzeug des Historikers, Unwissenheit, die vereinfacht und klärt, die auswählt und auslässt“. Quelle: „Die kürzeste Weltgeschichte der Unwissenheit“ von Peter Burke
Von Hans Klumbies
