Stefan Klein kritisiert: „In einer Zeit, in der die Menschheit und jeder Einzelne sich der Veränderung öffnen müssen, beherrscht uns die Tyrannei der Gewohnheit.“ Nehmen wir einmal die Bewusstseinsspaltung, in die uns der Klimawandel versetzt. Wir erschrecken über Unwetter und katastrophale Überschwemmungen, und kein vernünftiger Mensch zweifelt daran, dass sie sehr bald halbe Länder in Wüsten verwandeln, wenn wir weiter Öl und Kohle verbrennen. Schon heute sterben allein an dem durch fossile Brennstoffe freigesetzten Feinstaub weltweit mehr Menschen, als die Covid-Pandemie in ihrem ganzen Verlauf umgebracht hat. Fest steht auch, dass sich durch den Klimawandel in Deutschland vermehrt Infektionskrankheiten ausbreiten werden. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Ein anderer Lebensstil könnte glücklicher machen
Dabei erfreuen uns Benzin und Kerosin, Öl und Gas keineswegs. Stefan Klein erklärt: „Täglich fluchen wir über die Folgen: Lärm und Stau, exorbitante Heizkosten, Schlangen am Flughafen und Hitzewellen im Sommer.“ Man könnte nun meinen, dass wir uns leichten Herzens von all dem verabschieden würden. Schließlich gibt es Alternativen. Aber im Gegenteil – je mehr Horrornachrichten vom Klimakollaps uns erreichen, und je mehr wir selbst unter unseren Gewohnheiten leiden, umso grimmiger verteidigen wir das Automobil, das Privileg, in den Urlaub zu fliegen, sogar den Heizkessel im Keller.
Die Möglichkeit, dass sie mit einem anderen Lebensstil glücklicher sein könnten, ziehen viele Menschen erst gar nicht in Betracht. Dass wir den Wandel unmöglich verhindern können, ist uns durchaus bewusst. Und so behaupten wir gar nicht, es nicht zu wollen. Stefan Klein ergänzt: „Unsere Absichten hören sich viel bescheidener an: Andere Wege gehen durchaus, nur bitte nicht gerade jetzt. In einer unsicheren Welt suchen wir in unseren Gewohnheiten Halt.“
Die Gesellschaft ändert sich nicht zum Besseren
In seinem Buch „Aufbruch“ berichtet Stefan Klein auch von der Streckensstarre angesichts der Einwanderung, der Allgegenwart immer mächtiger Computer und der Alterung der Gesellschaft. Nicht nur die Gesellschaft ist gelähmt, sondern auch jeder Einzelne. Wir beobachten das Phänomen bei nahestehenden Menschen und, wenn wir ehrlich sind, bei uns selbst: Man erkennt eine Chance und weiß, wie klug es wäre, sie zu ergreifen. Doch dann bleibt alles beim Alten.
Gründe sind schnell gefunden. Es fehlt, wie immer am Geld. Stefan Klein fügt hinzu: „Fragt man, warum sich die Gesellschaft nicht zum Besseren ändert, nennt man häufig unfähige Politiker, korrupte Eliten und die Defekte des Kapitalismus. Doch wir äußern solche Erklärungen sonderbar halbherzig.“ Einerseits kann niemand die genannten Faktoren bestreiten. Andererseits gibt doch jeder zu, dass sie keineswegs die einzige und noch nicht einmal die größte Hürde darstellen. Quelle: „Aufbruch“ von Stefan Klein
Von Hans Klumbies
