Das Besondere an den modernen, westlichen Gesellschaften ist das Verhältnis, in dem sie zu ihren Verlusten steht. Andreas Reckwitz formuliert das zugespitzt: „Die Moderne hat ein tiefsitzendes Problem mit Verlusterfahrungen. Verlust ein Grundproblem der Moderne.“ Was heißt das? Warum ist das so? Und was folgt daraus? Die Grundthese von Andreas Reckwitz lautet, dass die Modere ein fundamentales Problem mit Verlusterfahrungen haben muss, und zwar deswegen, weil diese dem für die Moderne konstituierten Fortschrittsglauben widersprechen. Die Moderne ist ein grundlegender Widerspruch zwischen Fortschritt und Verlust, zwischen dem Glauben an den Fortschritt und der Realität von Verlusterfahrungen eingebaut. Dieser Widerspruch lässt den Status von Verlusten prekär werden. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Moderne wird angetrieben durch ihren Fortschrittsglauben
Die moderne Gesellschaft hat seit dem 18. Jahrhundert mit der Industrialisierung und der Verwissenschaftlichung, mit der Vermarktlichung, der Säkularisierung und der Demokratisierung in Europa und Nordamerika eine Reihe von Strukturen ausgebildet, in deren spätmoderner Fassung wir gegenwärtig weiterhin leben. Andreas Reckwitz erklärt: „Im Kern angetrieben wird sie an der Orientierung am Fortschritt, genauer: durch ihren Fortschrittsglauben, der sie von der Technik bis zur Politik, von der Wirtschaft bis zur Alltagskultur durchzieht und ihr eine besondere Form und Dynamik verleiht.“
Der Fortschrittsglaube ist ganz ungewöhnlich und grandios einfach: Er besagt, dass die Zukunft für die Gesellschaft und das Individuum besser sein wird als die Gegenwart, so wie die Gegenwart schon besser ist als die Vergangenheit. Andreas Reckwitz stellt fest: „Die Moderne basiert also auf der Annahme eines grundsätzlichen Bruchs zwischen dem Erfahrungsraum der Vergangenheit und dem Erwartungshorizont der Zukunft, eines Bruchs nicht nur zu etwas ganz Anderem, sondern auch zum signifikant Besseren.“
Verluste durchkreuzen das Fortschrittsversprechen
Der Fortschritt ist der Moderne daher mehr als nur vage Hoffnung. Andreas Reckwitz erläutert: „Er bildet vielmehr das Zentrum eines gesellschaftlichen Imperativs, der von dem „Vorwärts“ und „Nach-oben“ als fester Erwartung, ja Norm und Versprechen ausgeht.“ Verluste – ob vom Individuum erfahren oder von sozialen Gruppen – durchkreuzen dieses Fortschrittsversprechen. Denn unabhängig davon, was verloren wird, stellt sich jeder Verlust in je bestimmten, aber wichtigen Hinsichten als eine Verschlechterung gegenüber dem Bisherigen da.
Und im Falle einer Verlustantizipation wird entsprechend erwartet, dass die Zukunft eine grundlegende Verschlechterung gegenüber der Gegenwart mit sich bringen wird. Andreas Reckwitz drückt diesen Sacherhalt noch auf eine andere Art und Weise aus: „Erfährt man einen Verlust, dann wird deutlich und spürbar, dass jetzt und wohl auf künftig etwas Entscheidendes fehlt, was zuvor vorhanden gewesen ist: Leben beispielsweise oder körperliche Unversehrtheit, sozialer Status, geordnete Strukturen, die Heimat oder ein intakter Zukunftsglaube.“ Quelle: „Verlust“ von Andreas Reckwitz
Von Hans Klumbies
