Verluste sind immer Verlusterfahrungen – von einzelnen Subjekten oder sozialen Gruppen. Andreas Reckwitz ergänzt: „In der Erfahrung eines Verlustes wird die Tatsache, dass etwas verschwindet, negativ bewertet. Das Verschwinden wird bedauert und löst häufig heftige Emotionen aus.“ Zum Gegenstand des Verlustes kann vielerlei werden: das Leben eines Menschen oder ein zerstörtes Objekt, ein sozialer Status oder die Heimat, die Kontrolle über das eigene Leben oder eine positive Erwartung hinsichtlich der Zukunft. Es gilt jedoch in jedem Fall: Verlieren kann man nur etwas, was zuvor subjektiv oder kollektiv wertvoll erschien, was für die eigene Identität essenziell oder zumindest relevant und an das man entsprechend emotional gebunden ist. Verluste sind höchst komplexe Phänomene, nicht nur aus psychologischer, sondern auch aus soziologischer Sicht. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
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Passende Bücher bei Amazon findenVerluste hängen von ihrer Wahrnehmung ab
Verluste unterhalten über den Weg von Erinnerungen ein spezifisches Verhältnis zur Vergangenheit und über den Weg von Erwartungen ein Verhältnis zur Zukunft. Andreas Reckwitz erklärt: „Da Verluste von ihrer Wahrnehmung abhängen, haben sie eine enge Verbindung zu gesellschaftlichen Deutungsmustern, zu Diskursen und Narrativen, die Verluste kulturell verhandeln.“ Die Palette der Verlustemotionen ist breit und reicht von Trauer, Scham und Angst bis hin zu Wut, Empörung und Verbitterung.
Verlusterfahrungen werden in sozialen Praktiken verarbeitet – vom Trauerritual bis zur juristischen Entschädigung –, und im Rahmen von sozialen Arenen werden sie nicht selten zu Gegenständen heftiger Kontroversen. Hier lautet die Frage: Was wird als Verlust gesellschaftlich anerkannt und was nicht? Andreas Reckwitz stellt fest: „Zweifellos: Verluste hat es immer gegeben, sie gehören zum Menschsein dazu – zuerst und zuletzt durch die Konfrontation mit Sterblichkeit und Tod, mit dem ultimativen, existenziellen und unausweichlichen Verlust.“
Verlusterfahrungen sind schmerzhaft
Darüber hinaus ist offensichtlich, dass Verlusterfahrungen in historisch vergleichender Perspektive Bestandteil aller menschlicher Gesellschaftsformen sind. Andreas Reckwitz nennt Beispiele: „Unwägbarkeiten der Natur, individuelle Krankheiten, soziale Epidemien, gewaltsame Konflikte – dies alles sind Umstände, die sämtliche Gesellschaftstypen in der Geschichte herausgefordert haben.“ Man findet die entsprechenden Verlusterfahrungen in Jäger- und Sammlergesellschaften ebenso wie in den frühen Hochkulturen, in der europäischen Antike, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit.
Und verarbeitet werden sie in höchst unterschiedlicher Weise: mittels aufwändiger Übergangsrituale oder im Rahmen religiöser Weltbilder, eingebettet in die Abfolge der Generationen oder verstanden als tragisches Schicksal, akzeptiert als Element der Vergänglichkeit oder als Schmach, die nach Rache verlangt. Was ist nun in der Moderne anders? Nun, nicht anders sind die Verlusterfahrungen selbst, die Tatsache, dass es sie gibt, dass sie schmerzhaft sind und dass Individuen und Gesellschaften auf irgendeine Weise mit ihnen umgehen müssen. Quelle: „Verlust“ von Andreas Reckwitz
Von Hans Klumbies
