Verantwortung bedeutet, nicht gleichgültig sein zu wollen und sich dem zu widmen, was zu tun ist. Aus einer Position heraus, die viele Menschen eint: die der Menschlichkeit. Aber was heißt das ganz konkret? Ina Schmidt erläutert: „Der australische Philosoph Peter Singer beschreibt in einem seiner Aufsätze ein Gedankenexperiment, das er „Das Kind im Teich“ nennt. Drohe vor unseren Augen ein Kind in einem Teich zu ertrinken, so könnten wir gar nicht anders, als ihm zu helfen. Es gäbe keinen Zweifel daran, dass dies die richtige Tat wäre.“ Selbst wenn noch andere Menschen am Ufer wären oder man nicht schwimmen könnte, würde man sich aufgerufen fühlen, für Hilfe zu sorgen. Ina Schmidt ist Philosophin und Publizistin. Sie promovierte 2004 und gründete 2005 die „denkraeume“. Seitdem bietet sie Seminare, Vorträge und Gespräche zur Philosophie als eine Form der Lebenspraxis an.
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Passende Bücher bei Amazon findenManche Hilfe scheitert an den Grenzen des Machbaren
Hier gibt es für kaum jemanden einen Zweifel. Aber: Ist das Leben eines Kindes mehr wert, nur weil es vor den eigenen Augen in Not gerät? Ina Schmidt antwortet: „Nein, ganz sicher nicht. Es gibt keinen guten Grund, warum wir nicht auch in anderen Teilen der Welt dafür sorgen müssen, Menschen zu retten oder ihnen zu helfen, Leid zu lindern, egal ob in Kriegsgebieten, Flüchtlingslagern oder auf Schlauchbooten im Mittelmeer.“ Stimmt man dieser Einsicht in Gänze und ohne Wenn und Aber zu, dann müsste sich allerdings einiges verändern.
Gerade im Hinblick auf die sogenannte humanitäre Hilfe scheint vielen Menschen doch eher eine Mischung aus hilfloser Gleichgültigkeit, Unsicherheit und dem Festhalten an Eigeninteressen zu umgeben als Einigkeit, das Gute tun zu wollen. Ina Schmidt ergänzt: „Zu Recht, mag man einwenden, denn bei allem guten Willen können wir wohl schwerlich jedes Kind auf der Welt retten, egal wie richtig dies sein mag.“ Es scheitert an den Grenzen des Machbaren, des Menschenmöglichen.
Ethische Wirksamkeit verlangt eine Weitung des Blicks
Der 1882 geborene Nikolai Hartmann prägte in seiner Ethik erstmals den Begriff der „Fernstenliebe“. Ina Schmidt erklärt: „Auch Hartmann spricht durchaus von einer natürlichen Gebundenheit des Strebens an das Nächstliegende, ohne dass darin irgendetwas Verwerfliches liege.“ Man kann schlicht oftmals gar nicht anders, als sich mit dem verbunden zu fühlen, was einem näher ist. Und darin liegt nicht nur etwas zutiefst Menschliches, was Individuen in ihrer Unvollkommenheit alle betrifft.
Zudem entsteht ein wichtiger emotionaler Schutzschirm, der einen Menschen davor bewahrt, am Leid der Welt zugrunde zu gehen. Ina Schmidt stellt fest: „Wir können uns dem, was räumlich oder zeitlich in der Ferne stattfindet, nicht auf dieselbe Weise emotional zuneigen wie dem, was in unserer Familie, vor unserer Haustür oder auch in unserem Land geschieht.“ Will man aber ethisch wirksam werden, muss man lernen, seine Kreise weiter zu ziehen und den Blick zu weiten. Quelle: „Die Kraft der Verantwortung“ von Ina Schmidt
Von Hans Klumbies
