Viele Menschen leiden an einem Mangel an Sinn

Jährlich nehmen sich rund 58.000 Amerikaner das Leben. Die Zahl der Selbstmordversuche übersteigt die der gegangenen Suizide etwa um das Zehnfache. Uwe Böschemeyer fügt hinzu: „Jährlich leiden innerhalb der EU 18,4 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 65 an Depressionen. Diese Zahlen erschüttern mich.“ Heutzutage ist die Angst zum lebensbestimmenden Gefühl geworden. Uwe Böschemeyer meint damit die Angst vor den Tiefen oder Untiefen der eigenen Seele, die Angst vor anderen Menschen, die Angst vor der Welt, in der man lebt. Das gilt nicht nur für Europa, das gilt weltweit. Und keineswegs nur wegen der Finanzkrisen. Viele Menschen wissen davon nicht nur aus Büchern oder den Medien. Uwe Böschemeyer ist Rektor der Europäischen Akademie für Wertorientierte Persönlichkeit und Leiter des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse in Salzburg.

Das Leben selbst ist so unübersichtlich geworden

Die Angst unter vielen Menschen ist so groß, weil der Mangel an Sinn so groß ist. Der Mangel an Sinn ist so groß, weil der Halt im Leben so gering ist. Der Halt im Leben ist so gering, weil die Suche nach Sinn so schwierig geworden ist. Die Suche nach Sinn ist so schwierig geworden, weil das Leben selbst so unübersichtlich geworden ist und die Wege zum Sinn so verdeckt erscheinen. Und weil die Wege zum Sinn so verdeckt erscheinen, ist die Angst unter vielen Menschen so groß und das Identitätsgefühl so gering.

Gibt es Gründe für diese Entwicklung? In keiner Zeit haben Menschen so vielfältige Veränderungen erfahren wie in dieser. Uwe Böschemeyer erläutert: „Die Veränderungen beglücken und bedrücken uns. Wir sind Zeugen einer rasant verlaufenden technologischen Entwicklung, eines umfassenden Wandels unserer Gesellschaft in eine Informationsgesellschaft, einer Internationalisierung des Lebens, einer radikalen Veränderung in der Wirtschafts- und Arbeitswelt, eines riesigen Angebots unterschiedlicher Weltanschauungen.“

Die Weiterbildung der Persönlichkeit dient der Sinnfindung

Diese und andere Entwicklungen sind eine nie dagewesene Herausforderung, Leben neu zu begreifen und sich neu darauf einzustellen. Die Veränderungen haben für viele Menschen dazu geführt, dass sie nicht mehr wissen, wer sie sind und welchen Sinn ihr Leben hat; dass sie nicht mehr wissen, was sie fühlen und wo ihr Platz im Leben ist. Sie kennen sich in ihrem eigenen Leben nicht mehr aus, geschweige denn im großen. Das Problem dieser Zeit besteht nicht im Mangel an Werten und Sinn, sondern im Mangel an Zugängen zu Werten und Sinn.

Diese Zugänge scheinen für viele Zeitgenossen verengt oder verschüttet zu sein. Sie öffnen sich jedoch in dem Maße, in dem der Geist sich öffnet. Daher ist die Auseinandersetzung um die geistige Dimension und die in ihr gründenden Wertgefühlskräfte eine notwendige Aufgabe dieser Zeit. Was heißt das konkret? Weiterbildung der Persönlichkeit, die zugleich Voraussetzung für Sinnfindung und die Möglichkeit der Prävention von Störungen ist. Quelle: „Von den hellen Farben der Seele“ von Uwe Böschemeyer

Von Hans Klumbies

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