Jonathan Aldred weiß: „Ein großer Teil der Ungleichheit, den man heute in reicheren Ländern beobachtet, ist eher auf staatliche Entscheidungen als auf unumstößliche Marktkräfte zurückzuführen.“ Solche Beschlüssen kann man jedoch revidieren. Die Staaten des Westens sind in das Zeitalter der Automatisierung und künstlichen Intelligenz eingetreten. Das mache, wie manchmal zu hören ist, zunehmende Ungleichheit unvermeidlich. Das läuft im Wesentlichen daraus hinaus, dass die Computerfreaks, welche die Roboter konstruieren, und die 0,01 Prozent, denen sie gehören, unermesslich reich sein werden. Und die anderen arbeitslos. Aber nichts ist an einer so ungerechten gesellschaftlichen Entwicklung schicksalhaft vorbestimmt. Jonathan Aldred ist Direktor of Studies in Ökonomie am Emmanuel College. Außerdem lehrt er als Newton Trust Lecturer am Department of Land Economy der University of Cambridge.
Die Reduzierung der Ungleichheit ist möglich
Die Gesellschaft kann die Richtung des technologischen Wandels bestimmen. Vor allem, wenn man Innovationen fördert, die menschliche Arbeitskräfte unterstützen und ihre unersetzliche Rolle in wachsenden Berufsfeldern wie Pflege, Freizeit und Unterhaltung würdigen. Jonathan Aldred betont: „Aber wir müssen auch den Willen haben, gesellschaftliche Ungleichheit einzudämmen. Wir müssen die Bekämpfung von Ungleichheit zu einem zentralen Ziel der Regierungsarbeit und der Gesellschaft machen.“
Im Bereich der Wirtschaftspolitik sollte die Reduzierung von Ungleichheit kein nachträglicher Gedanke sein. Sondern sie sollte ein vorrangiges Ziel mit dem gleichen Stellenwert wie Effizienz und Wirtschaftswachstum sein. Und somit ein Faktor, den man bei sämtlichen Entscheidungsprozessen in allen Bereichen der Regierungsarbeit ausdrücklich berücksichtigt. Jonathan Aldred stellt fest: „Das wäre keineswegs eine Reise ins Unbekannte. Es liegen schon jetzt detaillierte, wissenschaftlich fundierte Vorschläge zur Reduzierung von Ungleichheit durch politische Maßnahmen vor.“ Die am tiefsten verwurzelten, irrealsten und selbst erhaltenden Rechtfertigungen für Ungleichheit, drehen sich um moralische Fragen, nicht um wirtschaftliche.
Ungleichheit wirkt als soziale Spaltung
Der herausragende Ökonom John Kenneth Galbraith hat das Problem sehr schön zusammengefasst: „Eine der moralphilosophischen Übungen des Menschen … ist die Suche nach einer überlegenen moralischen Rechtfertigung für Selbstsucht. Es ist eine Übung, die immer auf einer Reihe von inneren Widersprüchen und sogar einigen Absurditäten aufbaut. Die offenkundig Reichen tun sich damit hervor, den Armen den charakterlich prägenden Wert eines entsagungsreichen Lebens aufzunötigen.“
Es gibt einen letzten Grund für die Befürchtung, dass solche Einstellungen sich noch fester etablieren könnten. Jonathan Aldred erklärt: „Hohe wirtschaftliche Ungleichheit wirkt als soziale Spaltung, die vielfältige Gemeinschaften zersetzt und die Menschen in Gettos für Reiche oder Arme treibt.“ Immer häufiger ist zu beobachten, dass Menschen aus sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Zusammenhängen und Gesellschaftsschichten sich kaum noch mischen. Dadurch fallen Ungleichheiten weniger auf und können leichter vergessen werden. Quelle: „Der korrumpierte Mensch“ von Jonathan Aldred
Von Hans Klumbies
