Axel Braig schreibt: „Bei Unterhaltungen über moralische Fragen scheinen Aufgeregtheiten oft unvermeidlich und Streit vorprogrammiert, denn moralische Argumentationen zeichnen sich häufig durch eine gewissen Dinglichkeit aus.“ Tatsächlich wirken Aussagen wie: „Das gehört sich nicht“ oder „Das ist nicht gut“ oft bedrohlich und signalisieren, dass Widerspruch nicht gern gesehen wird. Um Moralphilosophen wie Immanuel Kant hat Axel Braig in seinem Philosophiestudium eher einen Bogen gemacht und gegen Menschen, die als Moralapostel auftreten, wehrt er sich regelmäßig. Axel Braig teilt Niklas Luhmanns Einschätzung, dass es eine der wichtigsten Aufgaben der Ethik sei, vor Moral zu warnen, die er damit begründet, dass Moral häufig zur Eskalation von Konflikten und sogar Rechtfertigung von Gewalt beitrage. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.
Das Perspektivische ist die Grundbedingung allen Lebens
Trotzdem hat auch Axel Braig relativ stabile und konkrete moralische Vorstellungen, die sich zudem bei näherer Betrachtung als einigermaßen konventionell erweisen. Bleibt die Frage, wie Axel Braig diese Moral mit seiner insgesamt kritischen Wertung von moralisch motivierten Diskussionen vereinbaren kann. Bei ihrer Beantwortung war ihm vor allem Friedrich Nietzsche hilfreich. In der Vorrede von „Jenseits von Gut und Böse“ spricht er davon, dass das Perspektivische die Grundbedingung allen Lebens sei.
Damit bezieht er eine Gegenposition zu der philosophischen Tradition von Platon bis Immanuel Kant, die eine Gültigkeit ihrer Einsichten für alle Menschen beansprucht. Axel Braig stellt fest: „Für Friedrich Nietzsche können insbesondere moralische Urteile nur für Einzelne oder Gruppe von Menschen Geltung haben. Konsequenterweise spricht er daher als erster Philosoph häufiger von Moral im Plural.“ Diese verschieden Moralen betrachtet er jeweils als Ausdruck der Perspektive bestimmten Individuen oder Gruppen.
Der Mangel an historischem Sinn ist der „Erbfehler aller Philosophen“
Friedrich Nietzsche sieht in der subjektiven Bedingtheit von Moral, im Gegensatz zur vorherrschenden philosophischen Tradition, keinen Mangel, den es möglichst in Richtung einer objektiven Wahrheit aufzulösen gilt. Axel Braig erläutert: „Die platonische Idee des Guten, wovon die konkret erfahrbare Welt nur einen Abglanz darstellt, wird aufgegeben, und das Gute bleibt nur noch in seinem Bezug zu konkreten Subjekten denkbar.“ Hinzu kommt, dass dieses Subjekt von Friedrich Nietzsche immer auch in einem geschichtlich gewachsenen Zusammenhang betrachtet wird.
Damit eröffnet sich neben dem Gegensatz von Allgemeinheit und Einzelsubjekt eine weitere Dimension des Historischen. Schon in „Menschliches Allzumenschliches“ behauptet er, dass der Mangel an historischem Sinn der „Erbfehler aller Philosophen“ sei, und fordert, dass historisches Philosophieren von jetzt ab nötig werde. Axel Braig erklärt: „Eine allgemeingültige Moral muss für Friedrich Nietzsche also nicht nur deshalb unmöglich bleiben, weil sie dem einzelnen Individuum nicht gerecht wird, sondern auch, weil sie dessen historisch gewachsene Perspektive unberücksichtigt lassen würde.“ Quelle: „Über die Sinne des Lebens und ob es sie gibt“ von Axel Braig
Von Hans Klumbies
