Das neue Buch „Bückbürgertum“ von Ulf Poschardt ist der Versuch, eine Ideen- oder Mentalitätsgeschichte des Bürgerlichen zu skizzieren. Der Autor verwendet dazu folgende Begriffe: Das Bürgerliche bezeichnet einen Habitus. Bürger sind alle Bürger eines Staates, das Bürgertum ist ihre Formation. Es wird als Oberbegriff verwendet, Shit-, Bück- und Figthbürgertum sind Unterkategorien. Es handelt sich dabei um imaginäre Akteure, die nicht soziologisch trennscharf zu erfassen sind. Die Übergange zwischen Shitbürgertum und Bückbürgertum sind fließend. Innerhalb des Bürgertums gibt es zwei Arten von Gebücktheit. Ulf Poschardt erläutert: „Den strategisch sich bückenden Bückbürger, der es sich eigentlich leisten könnte, den Rücken gerade zu halten, und jenes gebückte Bürgertum, dem schlicht die ökonomischen, physischen oder mentalen Kraftreserven fehlen, um sich aufzurichten gegen die – ohne jede Überzeugung vollzogene – Anpassung an das Falsche.“ Von 2016 bis 2024 leitete Ulf Poschardt die „Welt“-Gruppe und ist seit 2025 Herausgeber der Premium Gruppe POLITICO, WELT und BUSINESS INSIDER.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie bürgerliche Politik und Kultur stecken in einer Sackgasse
Der Bückbürger ist ein trauriger Untertan. Er unterwirft sich, um beispielsweise die eigene Karriere voranzubringen, und beugt sich auch vor dem herrschenden Zeitgeist. Doch in der Verteidigung seiner Ansprüche kann der Bückbürger sehr rabiat werden. Es gibt Bückbürger, die ihre Überzeugungen aus wirtschaftlicher Opportunität verleugnen und das Bücken monetarisieren. Es gibt solche, die sich bücken, um irgendwie durchzukommen. Und es gibt jene, die sich bücken, weil es bequemer ist und sie sich an das Bücken gewöhnt haben.
Mit der Unterwerfung unter die Denk- und Sprechverbote der „Brandmauer“ stecken bürgerliche Politik und Kultur in einer Sackgasse, in der sie anscheinend bis zum bitteren Ende verharren wollen – störrisch und erfahrungsresistent, also sehr deutsch. Wie war diese fatale Entwicklung möglich? Das Buch „Bückbürgertum“ versucht ihre Geschichte zu rekonstruieren und verständlicher zu machen. Es ist der Anfang für eine Erklärung für etwas, das in der Konsequenz, mit der es vollzogen wurde, unerklärlich erscheint.
Shit- und Bückbürger sind Untertanen
Die bückbürgerliche Gegenwart findet in der Arbeitswelt ihren Begriff: das „Silent Quitting“. Man kündigt innerlich – nicht nur im Job, sondern auch in der Zivilgesellschaft, im Zweifelsfall sogar in der Nachbarschaft, in der Familie. Man gibt entmutigt auf. Vielleicht war man auch nie so richtig mutig. Der Dienst nach Vorschrift, eine ziemlich deutsche Gewohnheit, ergreift alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens. Der Rückzug entzieht der liberalen Gesellschaft die Nährstoffe für Konflikte und Debatten.
Die Staatsquote lag 1950 bei 27,5 Prozent. Mitte der Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts stieg sie wieder über die 50-Prozent-Marke. Helmut Kohl hatte recht, wie so oft: Alles über 50 Prozent Staatsquote ist Sozialismus. Der Sozialismus ist ein Regime der Unfreiheit, der den freien Menschen unter Generalverdacht stellt. Ulf Poschardt zieht folgendes Fazit: „Der übergriffige Staat liebt nicht den Bürger, sondern den Untertanen. Shit- und Bückbürger sind Untertanen. Freie Bürger kämpfen gegen einen autoritären Staat. Friedlich natürlich.“
Bückbürgertum
Ulf Poschardt
Verlag: Westend
Gebundene Ausgabe: 348 Seiten, Auflage: 2026
ISBN: 978-3-98791-370-9, 27,00 Euro
Von Hans Klumbies
