Die Mündigkeit weiß um die eigenen Grenzen

Mündig zu sein, ist ein Wunsch, seit die Neuzeit den Menschen in verträglichen Dosen in die Freiheit entlässt. In ihrer aufgeklärtesten Form weiß die Mündigkeit auch um die eigenen Grenzen. Weil nur ein mündiger Mensch weniger vollkommen als entstellt ist. Ulf Poschardt erläutert: „Die Sehnsucht des Menschen, seine Träume, seine Verrücktheiten und Poesien, sein Spleen, seine Unbedingtheit, es wissen zu wollen, sind der Urtrieb, den eine vernünftige Zivilisation nur sehr bedingt zulässt.“ Beim Verehrer der Mündigkeit Theodor W. Adorno ist die innere Unruhe beim Mündigwerden auch Ideologiekritik. Mündig zu sein heißt auch, im Ideal mehr verstanden zu haben, als nötig war, um sich selbst als Individuum konstant herauszufordern. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

Ohne das Träumen stirbt die Gesellschaft

Der Traum ist der alltägliche Verbündete der Utopie. Er braucht auch in aufgeklärten Gesellschaften seinen Raum. Weil nur träumende Realpolitik neue Wege gehen kann. Der Traum ist auch die unschuldige Form der Aggression gegen die Realität. Ulf Poschardt ergänzt: „Im Traum treten wir aus der Realität heraus in eine andere. Der Traum aber ermöglicht eben auch eine Transformation der Realität, weil er Wege aufzeigt, aus der Enge, den Sachzwängen, den vermeintlichen Routinen der Realität auszubrechen.“

Buchtipp:
„Mündig“ von Ulf Poschardt


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Im Idealfall ist der Traum ein Drift in eine Realität der Mündigkeit, die poetischer ist als nur eine rationalistische Form des aktuellen Hier und Jetzt. Niemand, auch nicht der Mächtigste, darf in seiner Ethik der Verantwortung seine Träume vergessen. In jedem Haus seines Ichs muss ein Zimmer für den Traum bleiben. Ohne das Träumen stirbt die Gesellschaft. Sterben besonders satte Gesellschaften. Mündigkeit ist auch eine Aggression gegen die Unmündigkeit.

Die bürgerliche Welt ist voller Widersprüche

Die Mündigkeit ist ein Kampf. Sie ist ein Bürgerkrieg, ein Krieg der Bürger: Mündige gegen Unmündige. Die Gerade gab es nie im Konzept der Mündigkeit. Nur bei jenen, die sie nicht verstanden haben, um sie als Disziplinarmacht zu benutzen. Bei Immanuel Kant sind die Menschen aus krummem Holz gemacht. Und in nicht totalitären Denksystemen ist das Widersprüchliche, Schräge, Krumme, zwei Schritte vor, einen zurück, der Drift, die Art und Weise, wie Fortschritte bei der Mündigkeit denkbar und vorstellbar werden.

Die bürgerliche Welt ist voller Widersprüche. Eigentlich passt nichts so richtig zusammen: Glaube und Wissen, Überzeugung und Handlung, Gesprochenes und Gemeintes, Gesagtes und Getanes, Geliebtes und Begehrtes, Versprochenes und Gehaltenes. Im Traum ist man ein Bürger einer idealen Welt, in der sich alle Widersprüchlichkeiten zu einer surrealen Gewissheit fügen. Die Menschen träumen auch, weil es all das Auseinandertreiben und Zerstieben der Welt und des Alltags kittet und mit einer Richtung versieht. Im Traum ist da ein Weg. Quelle: „Mündig“ von Ulf Poschardt

Von Hans Klumbies