Über die Wirtschaft kann man unterschiedlich nachdenken

Michael J. Sandel erläutert: „Der Kontrast zwischen der liberalen und der republikanischen Vorstellung von Freiheit legt zwei unterschiedliche Möglichkeiten nahe, über die Wirtschaft nachzudenken.“ Zwei Antworten auf die Frage: „Wozu ist die Wirtschaft da?“ Die liberale Antwort legte Adam Smith in „Der Wohlstand der Nationen“ vor, wo er schrieb, dass „Ziel und Zweck aller Produktion … der Verbrauch [ist].“ John Maynard Keynes wiederholte diese Antwort im 20. Jahrhundert: „Um noch einmal das Offensichtliche festzuhalten: allein Konsum ist Ziel und Zweck aller wirtschaftlichen Tätigkeit.“ Dem würden die meisten zeitgenössischen Ökonomen zustimmen. Doch das, was John Maynard Keynes offensichtlich erschien, ist nicht die einzige Möglichkeit, den Zweck der Wirtschaft zu erfassen. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.

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Die Wirtschaft dient auch der Selbstbestimmung

Der republikanischen Tradition zufolge dient wirtschaftliche Tätigkeit nicht allein dem Konsum, sondern auch der Selbstbestimmung. Michael J. Sandel erklärt: „Wenn Freiheit davon abhängt, dass wir zur gemeinsamen Selbstverwaltung fähig sind, sollte uns die Wirtschaft in die Lage versetzen, nicht nur Konsumenten, sondern auch Bürger zu sein. Das beeinflusst die Art und Weise, in der wir über Wirtschaftspolitik und ökonomische Regelungen debattieren.“

Den Verbraucher interessiert vor allem das, was die Wirtschaft „hervorbringt“. Wie verbessert sich das Wohl der Verbraucher, und wie verteilt man das Nationalprodukt? Bürger interessieren sich auch für die Struktur der Wirtschaft. Welche Arbeitsbedingungen ermöglicht die Volkswirtschaft, und wie organsiert sie produktive Tätigkeit? Michael J. Sandel stellt fest: „Aus Sicht zivilgesellschaftlicher Freiheit kann eine Wirtschaft nicht in dieser Weise neutral sein. Die Organisation der Arbeit formt die Art, in der wir einander sehen, die Art, wie wir gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung vergeben.“

Es gibt eine liberale und eine republikanische Vorstellung von Freiheit

Die Zusammensetzung von Produktion und Investitionen legt fest, ob Bürger bei der Gestaltung der Kräfte mitreden können, die ihr Leben bestimmen – am Arbeitsplatz wie in der Politik. Michael J. Sandel weiß: „In diesem Sinne ist das republikanische Konzept der Freiheit anspruchsvoller als die liberale Vorstellung.“ Eine ertragreiche, florierende Wirtschaft würde Verbrauchern ermöglichen, ihre persönlichen Vorlieben umfassender zu erfüllen als eine Volkswirtschaft mit geringem Bruttoinlandsprodukt (BIP).

In der politischen Tradition sind sowohl die liberale als auch die republikanische Vorstellung von Freiheit ständig präsent gewesen. Wenn auch in wechselndem Maß und in relativer Bedeutung. Michael J. Sandel fügt hinzu: „Grob gesagt war das republikanische Denken in der früherer Geschichte Amerikas vorherrschend, der Liberalismus später. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist der zivilgesellschaftliche oder bildende Aspekt unserer Politik weitgehend dem Liberalismus gewichen.“ Dieser besteht auf Neutralität gegenüber konkurrierenden Vorstellungen des guten Lebens. Quelle: „Das Unbehagen in der Demokratie“ von Michel J. Sandel

Von Hans Klumbies

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