Tony Judt kritisiert den ungeregelten Kapitalismus

Für Tony Judt ist irgendetwas grundfalsch an der Art und Weise, wie die Amerikaner in der Gegenwart leben. Seit dreißig Jahren wird vor allem in den USA ein eigennütziges Gewinnstreben verherrlicht. Wenn die amerikanische Gesellschaft überhaupt ein Ziel hat, ist es seiner Meinung nach die Jagd nach dem Profit. Die Menschen wissen zwar, was die Dinge kosten, kennen aber nicht deren Wert. Wenn Gesetze erlassen oder Gerichtsurteile gesprochen werden, fragen die Menschen nicht danach, ob sie gut, gerecht und vernünftig sind. Oder ob sie vielleicht sogar zu einer besseren Gesellschaft, ja einer besseren Welt beitragen könnten. Tony Judt, der von 1948 bis 2010 lebte, studierte in Cambridge und Paris und lehrte nach Stationen in Cambridge, Oxford und Berkeley seit 1995 als Erich-Maria-Remarque-Professor für Europäische Studien in New York.

Liberale sind gegen jede Form der Bevormundung und Einmischung

Tony Judt ist fest davon überzeugt, dass die materialistische und eigennützige Lebensart nicht zwingend im Menschen angelegt ist. Mit dem unkritischen Lob für den uneingeschränkten Markt, mit der Verachtung für den öffentlichen Sektor und der Illusion eines unaufhörlichen Wachstums können die Menschen nicht weiterleben. Tony Judt schreibt: „Die Finanzkrise von 2008 hat gezeigt, dass der unregulierte Kapitalismus sich selbst der schlimmste Feind ist. Früher oder später wird er Opfer seiner Exzesse werden und den Staat um Hilfe bitten.“

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Trotz aller Katastrophen scheinen die Menschen nicht in der Lage zu sein, sich Alternativen vorzustellen. Die amerikanische Jugend ist frustriert über die Leere ihres Lebens und über die Sinnlosigkeit des Daseins. Tony Judt hat dieses Buch allerdings nicht nur für die Amerikaner, sondern auch für die jungen Leute auf der anderen Seite des Atlantiks geschrieben. Tony Judt ist ein Vertreter des Liberalismus, da Liberale gegen jede Form von Bevormundung und Einmischung sind.

Das Zeitalter der Unsicherheit ist angebrochen

Tony Judt schreibt: „Sie tolerieren andere Meinungen und unkonventionelles Verhalten. Der Mensch soll möglichst viel Freiraum haben, sein Leben nach eigenen Vorstellungen einzurichten.“ Wahre Liberale lassen laut Tony Judt andere Menschen in Ruhe und machen ihnen keine Vorschriften. Nicht nur in Krisenzeiten sind für Tony Judt starke Interventionsstaaten notwendig. Obwohl dies niemand anzweifelt, denkt niemand über neue Staatsformen nach.

Laut Tony Judt ist die Menschheit in ein Zeitalter der Unsicherheit eingetreten. Es ist für ihn kein Trost, dass dies weitgehend unbemerkt geschehen ist. Er erklärt: „Unsicherheit erzeugt Angst. Und Angst – Angst vor Veränderung, Angst vor sozialem Abstieg, Angst vor Fremden und einer fremden Welt – zerfrisst das wechselseitige Vertrauen, auf dem die Bürgergesellschaft beruht.“ Tony Judt tritt dafür ein, dass sich die Menschen von ihrer ökonomischen Denkweise verabschieden und zu einer ethisch fundierten politischen Debatte zurückfinden müssen.

Dem Land geht es schlecht
Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit
Tony Judt
Verlag: Hanser
Gebundene Ausgabe: 189 Seiten, Auflage: 2011
ISBN: 978-3-446-23651-6, 18,90 Euro

Von Hans Klumbies