Wer im 21. Jahrhundert was werden will, zum Beispiel Abteilungsleiter oder Bundeskanzler, sollte so unscheinbar wie möglich auftreten. Tobias Haberl erklärt: „Im Kampf um Macht sind nämlich lange schon nicht mehr Mut oder Originalität, sondern eine möglichst kleine Angriffsfläche gefragt.“ Deshalb hat es für Annalena Baerbock auch nicht fürs Kanzleramt gereicht, weil sie im Gegensatz zu Armi Laschet und Olaf Scholz in Zukunft alles anders machen wollte, weil sie nicht moderat, sondern disruptiv und kämpferisch auftrat. Das finden die meisten Deutschen zwar couragiert, aber höchstens für ein paar Wochen, dann kriegen sie kalte Füße, weil, Klimakatastrophe hin oder her, eigentlich geht es ihnen doch ganz gut. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.
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Aktuelle Angebote zu "Erfolg funktioniert nur noch über genügend Zustimmung"
Passende Bücher bei Amazon findenBiegsame Menschen enthalten sich jeglicher Haltung
In Politik, Kunst und Medien sei heute nur erfolgreich, wer genügend Zustimmung finde, schreibt die Publizistin Thea Dorn. Respekt vor Leuten, die Unbequemes sagen, Ungewöhnliches riskieren, kurz: sich unpopulär betragen, gehöre schlicht nicht mehr zum Repertoire der Spätmoderne. Dies aber führe zu immer blasseren, biegsameren Figuren, deren größte Begabung darin liege, sich jeglicher Haltung zu enthalten. Tobias Haberl beklagt: „Es ist traurig, aber vor allem öde, wenn Männer, die etwas sind oder werden wollen, nicht mehr als komplexe oder widersprüchliche Persönlichkeiten zu erkennen sind.“
Denn sie umschiffen konkrete Aussagen und sagen immer nur, was sowieso jeder weiß oder ahnt, als spulte ein Chip in ihrem Kleinhirn ein Programm ab, das garantiert niemanden verschreckt oder zu Widerspruch anregt. Tobias Haberl stellt fest: „Wir haben uns in ein unauflösbares Dilemma hineinmanövriert: Auf der einen Seite sehen wir uns nach echten, temperamentvollen, charismatischen Persönlichkeiten, auf der anderen sanktionieren wir jeden missglückten Blick oder schiefen Satz in den sozialen Netzwerken.“
Fordernde Männer können wertvoll sein
Wer gelegentlich seine Widersprüchlichkeit aufblitzen lässt, wer auch mal überfordert, patzig oder verdutzt reagiert, wird zwar bewundert, gilt aber auch schnell als unberechenbar und wird, wenn es darauf ankommt, eher nicht berücksichtigt – siehe Robert Habeck. Tobias Haberl erläutert: „Wie ihm ging es zuletzt vielen Männern, die unbequeme Wahrheiten aussprachen oder ungefiltert verraten, was ihnen durch den Kopf geht. Männer, deren Seele wenigstens noch zu erkennen ist, auch wenn sie ein paar dunkle Flecken hat.“
Und das wir uns hier nicht falsch verstehen, Tobias Haberl ist kein Fan dieser Männer, aber aushalten, findet er, kann man sich schon, ja mehr noch: Männer, die gelegentlich eine Zumutung darstellen, können wertvoll sein, weil sie, indem sie drängen, nörgeln, fordern, vielleicht nicht immer richtigliegen, aber doch unsere selbstzufriedene Trägheit torpedieren und nebenbei daran erinnern, dass man alles auch ganz anders sehen kann. Auf der anderen Seite gibt es Männer, welche die Rebellion gegen die Wirklichkeit komplett eingestellt haben. Quelle: „Der gekränkte Mann“ von Tobias Haberl
Von Hans Klumbies
