Das Europa der Gegenwart unterscheidet sich von allen früheren Europas durch eine revolutionäre Veränderung: das exponentielle Wachstum von massenhaftem Reisen und Kommunikation seit den 1960er Jahren. Zwar unternahmen junge Engländer der Oberschicht im 18. Jahrhundert die Grand Tour und besuchten ausgewählte kulturelle Sehenswürdigkeiten auf dem Weg nach Rom. Timothy Garton Ash fügt hinzu: „Im späten 19. Jahrhundert bereisten Touristen der Mittelschicht aus wohlhabenden Ländern die europäischen Nachbarländer, oft unter Nutzung neu gebauter Eisenbahnlinien.“ Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trafen sich europäische Gentlemen – manchmal in Begleitung ihrer Damen – in Kurbädern, Landhäusern und auf Rennbahnen. Später sahen sie sich im tödlichen Kampf wieder, wie die adligen deutschen und französischen Offiziere in „Die große Illusion“, Jean Renoirs großartigen Film über den Ersten Weltkrieg. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.
Mitte der 1970er Jahre konnten sich sogar Arbeiter ein Auto leisten
Timothy Garton Ash erklärt: „Doch während des überwiegenden Teils der europäischen Geschichte, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, hatten die meisten Europäer niemals ein anderes Land besucht, es sei denn im Zuge des Militärdiensts während eines Krieges oder um auszuwandern, weil sie auf dem elterlichen Hof nicht genug zu essen bekamen oder weil sie durch ein Pogrom oder einem anderen Akt ethnischer Säuberung aus ihrer Heimat vertrieben wurden.“
Plötzlich reisten Millionen von Europäern in die Länder der anderen: mit dem Zug, mit der Fähre, mit dem Bus, mit dem Auto, mit der zweimotorigen Propellermaschine und ab den 1960er Jahren mit dem Düsenflugzeug. Timothy Garton Ash ergänzt: „Mitte der 1970er Jahre konnte sich ein besser bezahlter Arbeiter im Westen des Kontinents wahrscheinlich einen Fiat 500, einen Mini eine Volkswagen Käfer oder Golf oder einen Citroën leisten.“ Jedes dieser Autos wurde zu einer Ikone der Popkultur.
Im Jahr 1973 zählte Spanien mehr als 34 Millionen ausländische Besucher
Die meisten von ihnen gab es noch fünfzig Jahre später in modernisierten Versionen. Im Jahr 1973 zählte Spanien mehr als 34 Millionen ausländische Besucher, etwa einen pro ständigem Einwohner. Timothy Garton Ash stellt fest: „Zum ersten Mal wurde „Europa“ für die meisten Europäer zu einer persönlichen, unmittelbaren Erfahrung, verkörpert durch reale Orte und Gesichter, interessante neue Klänge, Sehenswürdigkeiten, Geschmäcker und Gerüche.“ Für den Fall, dass die Erinnerung doch verblasste, gab es jetzt billige Kameras wie die Kodak Instamatic.
Wenn man Freunde in einem anderen Land gefunden hatte, konnte man mit ihnen per Luftpostbrief, per immer erschwinglicherem Telefonanruf und bald auch über den Gipfel der technischen Raffinesse, das Faxgerät, in Verbindung bleiben. Auf dem Haager Kongress 1948 erklärte der große spanische Intellektuelle Salvador de Madariaga: „Erst wenn die Spanier „unser Chartres“ sagen, die Engländer „unser Krakau“, die Italiener „unser Kopenhagen“ und die Deutschen „unser Brügge“ … , wird Europa leben. Quelle: „Europa“ von Timothy Garton Ash
Von Hans Klumbies
