Ein Imperium vereint mehrere Volksgruppen

Im Gegensatz zu einem Nationalstaat kann man ein Reich Imperium nennen, wenn es mehrere Volksgruppen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und möglicherweise unterschiedlicher Religionszugehörigkeit vereint. Thomas Mayer fügt hinzu: „So gesehen waren das Römische Reich der Antike, der Britische Reich der letzten Jahrhunderte und die Sowjetunion Imperien.“ Eine notwendige Bedingung für den Bestand eines Imperiums ist die Bereitschaft des Zentrums, seinen Herrschaftsanspruch mit der nötigen Gewalt durchzusetzen. Wo das Zentrum dazu nicht mehr fähig oder willens ist, gewinnen meist die aus ethnischer Vielfalt gespeisten Zentrifugalkräfte die Oberhand, und das Imperium zerfällt. Wirtschaftliche Schwäche, Völkerwanderung und der Aufstieg reichsfremder Söldnerheere nennt man oft als Gründe für den Zerfall Roms. Der promovierte Ökonom Thomas Mayer leitet das Research Institute der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch.

Der Zerfall eines Imperiums hinterlässt oft tiefe Spuren

Dementsprechend kann man die Schwächung Englands durch zwei Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Grund für den Zerfall des britischen Imperiums anfügen. Und auch den wirtschaftlichen Niedergang der Sowjetunion kann man weitgehend auf die ineffektive wirtschaftliche Zentralplanung zurückführen. Dazu kamen widrige äußere Umstände wie der Zerfall der Ölpreise und das Wettrüsten mit den USA während der Achtzigerjahre. Das soll jedoch nicht heißen, dass dabei das Handeln Einzelner keine Rolle gespielt hätte.

Wäre Michail Gorbatschow so ruchlos gewesen wie Josef Stalin, hätte er vielleicht den Zerfall des Sowjetimperiums durch brutale Gewalt und Unterdrückung verhindern oder zumindest hinauszögern können. Thomas Mayer betont: „Menschliche Anständigkeit an der Spitze hat folglich wesentlich dazu beigetragen, dass die Sowjetunion unter seiner Führung ein unblutiges Ende nahm.“ Allerdings hinterlässt der Zerfall eines Imperiums oft tiefe Spuren. Das Ende Roms brachte zum Beispiel einen großen Rückfall in der Entwicklung der Zivilisation.

Der Zerfall der UdSSR hatte blutige Nachwirkungen

Und der Zerfall des britischen Imperiums verursachte Machtvakua, die über Jahrzehnte bis heute zu vielen Kriegen in Asien und Afrika geführt haben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch der Zerfall der Sowjetunion nach ihrem unblutigen Ende schließlich blutige Nachwirkungen hatte. Thomas Mayer erläutert: „Die Balkankriege nach dem Untergang des Vielvölkerstaats Jugoslawien, die 1991 begannen, gaben erste Hinweise darauf, was in der UdSSR noch kommen könnte.“

Die Rolle Serbiens in den Balkankriegen weist auf eine Begleiterscheinung beim Zerfall von Imperien hin. Die im Machtzentrum des Imperiums stehende Volksgruppe sieht durch den Abfall anderer Volksgruppen ihre vorrangige, mit Privilegien verbundene Stellung in der Völkergemeinschaft gemindert und empfindet ihn als unfreundlichen Akt. In Jugoslawien standen die Serben im Machtzentrum und versuchten, den Zerfall des Vielvölkerstaats mit Gewalt zu verhindern. In der UdSSR spielten die Russen mit Verzögerung eine ähnliche Rolle. Quelle: „Russlands Werk und Deutschland Beitrag“ von Thomas Mayer

Von Hans Klumbies

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