Thea Dorn unterscheidet vollkommene und unvollkommene Pflichten

Eine Unterscheidung beschäftigt den moralphilosophischen Diskurs seit seinen antiken Anfängen: die Unterscheidung zwischen „vollkommenen“ und „unvollkommenen Pflichten“. Immanuel Kant fast diesen Unterschied so, indem er es zur absoluten Pflicht – zum berühmten „kategorischen Imperativ“ – macht, „die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel“ zu brauchen. Thea Dorn erläutert: „Damit meint er, dass ich Menschen schon auch für andere Zwecke einspannen darf, indem ich sie etwa als Arbeitgeber in meinem Unternehmen beschäftige, dass ich sie aber niemals als reines „Mittel“ für meine Zwecke missbrauchen darf, ganz gleich, wie nobel diese Zwecke sein mögen.“ Thea Dorn studierte Philosophie und Theaterwissenschaften. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane, Theaterstücke und Essays.

Der Utilitarismus möchte das größte Glück der größten Zahl

Folgt man Immanuel Kant, muss man erkennen, dass es zum Beispiel kategorisch ausgeschlossen ist, einen Menschen gegen seinen Willen als medizinisches Versuchskaninchen zu benutzen. Selbst wenn dies im Kampf gegen tödliche Krankheiten nutzen würde. Eine gänzlich andere Sicht haben die Anhänger des in der angelsächsischen Welt entstandenen und dort nach wie vor weit verbreiteten Utilitarismus. Dem Utilitarismus zufolge muss das Handeln eines Menschen einzig und allein danach ausrichten, ob er mit einer Entscheidung „das größte Glück der größten Zahl“ hervorbringt, wie einer der geistigen Väter des Utilitarismus, Jeremy Bentham, es formulierte.

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Der krasse Utilitarist hält es nicht nur für erlaubt, sondern sogar für moralisch geboten, ein einzelnes Menschenleben zu opfern, wenn sich damit die Leben vieler anderer Menschen retten lassen. Thea Dorn ist überzeugt, dass man seine Entscheidungen in tendenziell tragischen Konfliktsituationen besser begründen kann, wenn man sich auf die Unterscheidung beruft, die Immanuel Kant selbst macht, indem er „vollkommene Pflichten“ von „unvollkommenen Pflichten“ unterscheidet.

Der Notfall darf nicht zum Normalfall werden

„Vollkommen“ sind aus seiner Sicht alle Gebote, die verbieten, einen Menschen zu töten, zu quälen oder anderweitig zu verletzen. „Unvollkommen“ ist nach Immanuel Kant ein Gebot wie dasjenige, seinen Mitmenschen zu helfen. Thea Dorn erklärt: „Eine „vollkommene Pflicht“ wie diejenige, nicht zu töten, kann ich – wenn ich kein Soldat oder Polizist bin – vollkommen einhalten. Die Anforderungen hingegen, die das Gebot zu helfen an mich stellt, kann ich niemals vollständig erfüllen, ganz gleich, wie sehr ich mich bemühe.“

Für verkehrt hält Thea Dorn die Idee einer globalen Solidarität. „Solidarität“ kommt vom lateinischen Wort „solidus“, das „gediegen“, „echt“ oder „fest“ bedeutet: „Solidarisch können wir nur mit Menschen sein, die für Ziele eintreten, die wir teilen oder zumindest gutheißen. Dies bedeutet nicht, dass uns das Schicksal der restlichen Menschen auf diesem Planeten gleichgültig sein soll.“ Aber das Mitleid mit der Not anderer darf nicht dazu verleiten, den Notfall zum Normalfall zu erklären. Quelle: „deutsch, nicht dumpf“ von Thea Dorn

Von Hans Klumbies