Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde

Thea Dorn rät: „Um Licht ins Dunkel des Wir-Begriffs zu bringen und zu begreifen, welches Wir Herz und Geist berührt und welches Wir lediglich den Verstand oder die Eigeninteressen anspricht, hilft es, sich die Unterschiede zu vergegenwärtigen, die der deutsche Soziologe, Nationalökonom und Philosoph Ferdinand Tönnies bereits Ende des 19. Jahrhunderts zwischen der „Gesellschaft“ und der „Gemeinschaft“ herausgearbeitet hat.“ Unter „Gemeinschaft“ versteht er jede Gruppe, die sich durch „reales und organisches Leben“ miteinander verbunden fühlt. Demgegenüber beruhe jede „Gesellschaft“ auf „ideeller und mechanischer Bildung“. Im ersten Paragrafen seines epochalen Werks „Gemeinschaft und Gesellschaft“ von 1887 stellt Ferdinand Tönnies fest: „Alles vertraute, heimliche, ausschließende Zusammenleben wird als Leben in Gemeinschaft verstanden.“ Thea Dorn studierte Philosophie und Theaterwissenschaften. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane, Theaterstücke und Essays.

Die Gemeinschaft geht von der Familie aus

Ferdinand Tönnies fährt fort: „Gesellschaft ist die Öffentlichkeit, die Welt. In Gemeinschaft mit den seinen befindet man sich, von Geburt an, mit allem Wohl und Wehe daran gebunden. Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde.“ Den Gegensatz führt Ferdinand Tönnies aus, indem er darauf verweist, dass man kaum von einer „Handels-Gemeinschaft“ und noch viel weniger von einer „Aktien-Gemeinschaft“ reden könne, wohingegen man die „Güter-Gemeinschaft“ zwischen Ehegatten […] nicht Güter-Gesellschaft nennen“ würde.

Vor diesem Hintergrund wird die Begriffsverwirrung ersichtlich, die daran liegt, dass sich die Europäische Union (EU) in ihren ersten Gestalten als „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ beziehungsweise „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ (EWG) bezeichnete. Um „Gemeinschaft“ zu verstehen, muss man Ferdinand Tönnies zufolge von der Familie ausgehen, von den Blutsbanden, vom Haus. Erweitert man den soziologischen Bildausschnitt, rückt als Nächstes die Nachbarschaft in den Blick.

Verständnis ist das Wesen alles echten Zusammenlebens

Ferdinand Tönnies betont, wie wichtig für derartige größere Gemeinschaften die „gegenseitige Gewöhnung“ ist: „Gedächtnis wirkt als Dankbarkeit und Treue; und im gegenseitigen Vertrauen und Glauben aneinander muss sich die besondere Wahrheit solcher Beziehungen kundtun […]. Gegenseitig-gemeinsame, verbindende Gesinnung, als eigener Wille einer Gemeinschaft, ist das, was hier als Verständnis begriffen werden soll. Sie ist die besondere soziale Kraft und Sympathie, die Menschen als Glieder eines Ganzen zusammenhält. […] Verständnis ist demnach der einfachste Ausdruck für das innere Wesen und die Wahrheit alles echten Zusammenlebens, Zusammenwohnens und Zusammenwirkens.“

Die Ausführungen von Ferdinand Tönnies sind Thea Dorn deswegen so wichtig, weil sie zeigen, dass der diffizile und alles entscheidende Sprung von der Blutsbanden-Gemeinschaft zur größeren Gemeinschaft nur dann gelingen kann, wenn sich auch unter Nichtverwandten gegenseitiges Vertrauen, Aneinander-Glauben und Verständnis für den anderen herausbilden, wenn man sich nachbarschaftlich aneinander gewöhnt und gemeinsame Erinnerungen teilt, aus denen „Dankbarkeit und Treue“ erwachsen. Quelle: „deutsch, nicht dumpf“ von Thea Dorn

Von Hans Klumbies

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