Teenager interagieren viele Stunden mit ihrem Smartphone

Im Jahr 2007 waren Teenager und viele Kinder unter dreizehn Jahren damit beschäftigt, kurze Texte in ihre Handys zu tippen. Doch das Verfassen von Textnachrichten war damals noch eine mühselige Angelegenheit – drücke viermal Taste 7, um ein „s“ zu schreiben. Jonathan Haidt ergänzt: „Die Nachrichten richteten sich größtenteils nur an eine Person, und die meisten benutzten ihre primitiven Handys, um sich mit jemanden zu verabreden, den sie persönlich treffen wollten.“ Niemand hatte Lust, drei Stunden hintereinander mit dem Texten von Nachrichten zu verbringen. Nach der Großen Neuverdrahtung wurde jedoch für Heranwachsende zur Regel, einen Großteil ihrer Wachstunden mit einem Smartphone zu interagieren. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.

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Ab 2015 trafen sich Teenager kaum noch persönlich

Dabei konsumierten sie Inhalte von Fremden wie von Freunden, spielten Handyspiele, schauten sich Videos und posteten Beiträge auf sozialen Medien. Ab 2015 hatten Heranwachsende deutlich weniger Zeit und Lust, einander persönlich zu treffen. Welche Auswirkungen das auf Kinder hat, kann man möglicherweise erkennen, wenn man sich mit den wichtigsten Merkmalen der Kindheit beschäftigt. Jonathan Haidt erklärt: „Hier eine seltsame Tatsache über menschliche Wesen: Unsere Kids wachsen zunächst schnell, dann langsam und dann wieder schnell.“

Interessanterweise hat das Gehirn eines Kindes mit etwa fünf Jahren bereits 90 Prozent seiner endgültigen Größe erreicht. Jonathan Haidt blickt zurück: „Als Homo sapiens seinen ersten Auftritt hatte, waren seine Kinder Schwächlinge mit kleinem Körper und großem Gehirn, die in der Savanne herumliefen und Prädatoren praktisch darum baten, sie aufzufressen.“ Warum hat uns die Evolution eine so lange und riskante Kindheit beschert? Der Hauptgrund ist, dass wir uns vor rund ein bis drei Millionen Jahren zu kulturellen Wesen entwickelten.

Die Menschen lernten voneinander und veränderten dadurch den Planeten

Kultur, zu der auch Werkzeugherstellung gehört, gestaltete unseren evolutionären Entwicklungsweg tiefgreifend um. Jonathan Haidt nennt ein Beispiel: „Als wir begannen, unsere Nahrung zu garen, verkleinerte sich unser Kiefer und unser Darmtrakt verkürzte sich, denn gegarte Nahrung lässt sich viel leichter kauen und verdauen als rohe.“ Unser Gehirn vergrößerte sich, weil das Rennen ums Überleben nicht mehr vom Schnellsten und Stärksten gewonnen wurde, sondern von denjenigen, die besonders lernfähig waren.

Jonathan Haidt erläutert: „Unser Merkmal, das den ganzen Planeten verändern sollte, war unsere Fähigkeit, voneinander zu lernen und den Wissensschatz zu nutzen, die unsere Vorfahren und die Gemeinschaft zusammengetragen hatten.“ Der evolutionäre Wettstreit darum, so viel wie möglich zu lernen, machte es maladaptiv, so schnell wie möglich in die Pubertät zu kommen. Vielmehr war es von Vorteil, die Dinge zu verlangsamen. In der späten Kindheit nimmt das Gehirn nicht viel an Volumen zu, doch es ist intensiv damit beschäftigt, neue Verbindungen zu knüpfen und alte zu kappen. Quelle: „Generation Angst“ von Jonathan Haidt

Von Hans Klumbies