Ungerechtigkeit ist ein normales soziales Phänomen, während empörte Reaktionen und Forderungen nach Wiedergutmachung seltene Ausnahmen darstellen. Miranda Fricker denkt, dass Zeugnisgerechtigkeit zur diskursiven Geschehen einfach dazugehört, auch wenn empörte Reaktionen rar gesät sind. Für Letzteres gibt es verschiedene Erklärungen. Miranda Fricker nennt ein Beispiel: „Nehmen wir an, Sie beschweren sich darüber, dass Ihr Chef Ihnen nicht die gebührende Wertschätzung entgegenbringt, weil Sie, sagen wir, neurodivers sind. Zum einen lässt sich ein solcher Vorwurf nur schwer überprüfen, zum anderen könnte er erhebliche Nachteile mit sich bringen – möglicherweise gelten sie fortan als Unruhestifter oder Sie werden nicht mehr befördert.“ Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.