Von einem Philosophen erwartet man, einleitend seinen Gegenstand zu bestimmen. Otfried Höffe betont: „Die Erwartung ist umso berechtigter, wo der Gegenstand, hier die Weisheit, hochgeschätzt wird, aber unklar bleibt, was genau denn so schätzenswert sei.“ Hilfsweise kann man fragen, welche Menschen wir denn für weise halten. Je nach persönlicher Vorliebe wird man auf den Dalai Lama, aus Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela, vielleicht auch auf Papst Franziskus hinweisen. Weise nennen wir nämlich Vorbilder für unser Leben oder Vorzeigepersonen, gelegentlich freilich nur die kundigen Mitglieder eines wirtschaftspolitischen Beratungsgremiums, den man den Beinamen der Fünf Weisen gegeben hat. Auch wenn letztere Bezeichnung zu schmeichelhaft klingt, ist sie, prinzipiell betrachtet nicht unzulässig. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.
Vorzeigepersonen
Weise pflegen eine vorbildliche Beziehung zu ihren Mitmenschen
Otfried Höffe entwickelt in seinem neuen Buch „Die Kunst der Weisheit“ eine kleine Philosophie der Lebensklugheit. Bei der Weisheit handelt es sich um eine Höchstform des Wissens und des Könnens. Weise nennen wir Vorbilder für unser Leben oder Vorzeigepersonen sowie manchmal auf Fachleute. Nach dem stoischen Ideal ist weise, wer die Unbilden des Lebens mit Gelassenheit, sogar in Heiterkeit, wer sie mit „stoischem Gleichmut“ zu ertragen vermag. Diese Fähigkeit, selbst in den schlimmsten Widrigkeiten des Lebens seine Eigenständigkeit und Freiheit zu bewahren, wird ohne Frage auch heute noch als vorbildlich angesehen. Es braucht jedoch noch andere Vorzüge, um als Weiser zu gelten, insbesondere eine vorbildliche Beziehung zu den Mitmenschen. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.